Rehlinger zur Arbeitszeitsdebatte : Arbeitnehmer haben ein Recht auf Feierabend

Saarbrücken Die Arbeitswelt der Zukunft wird ganz anders sein als die heutige. Ob sie aber besser sein wird, hängt von uns allen ab. Wir haben mit Sozialpartnerschaft und Mitbestimmung bewährte Instrumente, um der „Wirtschaft 4.0“ das richtige Profil zu geben. Ein wesentlicher Punkt wird die Gestaltung der Arbeitszeit unter den Bedingungen wachsender Digitalisierung sein. Ich habe große Sympathie für den Ansatz, klare Regeln für flexible Arbeitszeiten in den Tarifverträgen festzuschreiben. So lassen sich Ungleichgewichte am besten vermeiden.

Eine Flexibilisierung, die ausschließlich den betrieblichen Abläufen zugute kommt, schafft nämlich höchstens kurzfristig Vorteile. Wer Arbeitszeitflexibilität bloß als Chance sieht, Beschäftigte rund um die Uhr verfügbar zu machen, lebt noch in vergangenen Zeiten. Selbst bei den Wirtschaftsweisen scheint dieser gedankliche Ansatz leider durch.

Nachhaltige Vorteile verspricht hingegen eine Flexibilität, die ausdrücklich auf die Bedürfnisse von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eingeht. Das ist übrigens auch ganz im Interesse des Unternehmens, weil die Zufriedenheit am Arbeitsplatz und  die Motivation wachsen. Die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind bereit, flexibel zu arbeiten, wenn zum Beispiel ein wichtiges Projekt abgeschlossen werden muss. Aber die eine Milliarde unbezahlte Überstunden pro Jahr, von der die deutschen Gewerkschaften sprechen, passt so gar nicht in die Zeit.

Die Unternehmen sind im Wettbewerb um die besten Fachkräfte gefordert, auf veränderte Ansprüche der Beschäftigten einzugehen. Es geht darum, die Zeiten für Beruf, Familie, Pflege und Freizeit besser unter einen Hut zu bringen. Eine moderne Arbeitswelt verlangt moderne Arbeitszeiten. Ich plädiere für mehr selbstbestimmte Wahlmöglichkeiten der Beschäftigten bei Arbeitszeit und -ort. Freiwilligkeit ist Trumpf. Grenzenlose Verfügbarkeit ist keine vernünftige Option, es gibt ein Recht auf Feierabend. Dazu werden wir als Politik neue rechtliche Bedingungen setzen müssen. Eine Klarstellung zum Recht auf Nicht-Erreichbarkeit halte ich jedenfalls für dringend notwendig.

Wir müssen zudem die ganze Lebensarbeitszeit in den Blick nehmen. Als junger Mensch kann ich mehr und länger arbeiten als im Alter. Mit einem kleinen Kind brauche ich zwei, drei Jahre, um kürzer zu treten. Das kann ich später wieder aufholen. Deshalb setze ich mich für staatlich abgesicherte Lebensarbeitszeitkonten ein. Wir brauchen transparente Regeln. Helfen kann da ein „Wahlarbeitszeitgesetz“, wie es von der Bundesarbeitsministerin ins Gespräch gebracht wurde. Darin sollen Rechtsansprüche der Beschäftigten, finanzielle Unterstützung in bestimmten Lebensphasen und Anreize für betriebliche Wahlarbeitskonzepte verzahnt werden. Dazu gehört das Recht, nach einer Phase der freiwilligen Teilzeitarbeit zur früheren Arbeitszeit zurückzukehren. Deshalb haben wir im saarländischen Koalitionsvertrag vorgesehen, uns für ein Rückkehrrecht auf eine Vollzeitstelle einzusetzen.

Neue digitale Konzepte wie die „Smart Factory“ führen zu weitreichenden Veränderungen im Arbeitsleben. Mobiles wie zeitlich und örtlich „entgrenztes Arbeiten“ werden an Bedeutung gewinnen. Einerseits muss man dabei im Auge behalten, welche traditionelle Arbeitsplätze bedroht sind. Andererseits werden durch digitale Technologien neue Geschäftsmodelle, Berufsbilder und Arbeitsformen mit vielen neuen Beschäftigungsfeldern entstehen.

Arbeitsplätze sowohl im Industrie- als auch im Dienstleistungssektor werden komplexer und anspruchsvoller, deshalb wächst die berufliche Weiterbildung in eine Schlüsselrolle hinein. Dies ist nicht nur eine politische, sondern eine echte gesellschaftliche Herausforderung.

Anke Rehlinger (SPD) ist Ministerin für Wirtschaft, Arbeit,  Energie und Verkehr des Saarlandes.