Trudeau kann nach Wahl in Kanada Minderheitsregierung bilden

Wahlen in Kanada : Schmerzhafte Ohrfeige für „Anti-Trump“ Trudeau

Der Wahlkampf war eng umkämpft und unversöhnlich – und so endete auch der Wahlabend. „Wir sind mit einem klaren Mandat nach Ottawa geschickt worden“, sagte Justin Trudeau, Kanadas alter und neuer Premierminister, der mit seiner liberalen Partei wieder die meisten Sitze im Parlament errungen – aber die absolute Mehrheit verloren hat.

Traditionell spricht der Wahlsieger in Kanada als letzter und lässt allen anderen höflich den Vortritt, aber daran hielt sich diesmal niemand. Trudeaus „Führungskraft ist angeschlagen und seine Regierung wird bald vorbei sein“, sagt der konservative Herausforderer Andrew Scheer zur gleichen Zeit. „Wir sind die Regierung in Lauerstellung.“

Der Wahlkampf hat die Menschen in Kanada auseinandergetrieben. Hatte Trudeau 2015 noch mit seinem glanzvollen Kantersieg die Landkarte liberal-rot gefärbt, ist dort jetzt viel Blau der Konservativen, Orange der Sozialdemokraten, Hellblau der Regionalpartei Bloc Québécois und sogar ein wenig mehr Grün zu sehen. Zwar bleiben die Liberalen dem vorläufigen amtlichen Endergebnis zufolge mit 157 Sitzen stärkste Kraft, doch die absolute Mehrheit von 170 Mandaten wird klar verfehlt. Ganz zu Schweigen von den 184 Sitzen von 2015. Trudeau wirkte aber erleichtert, dass er es in dem harten Wahlkampf geschafft hat, an der Macht zu bleiben.

Denn es ist ein großes „trotz“, das an diesem Tag über Kanada schwebt. Vor vier Jahren war Trudeau noch als „Sonnyboy“ und „Anti-Trump“ gefeiert worden. Jetzt gewinnen seine Liberalen trotz Skandalen, trotz auch mit absoluter Mehrheit nicht erfüllter Versprechen. Das größte Glück in diesem Wahlkampf war für Trudeau dabei sein Herausforderer.

Andrew Scheer, Chef der Konservativen, blieb über die ganze Länge des Wahlkampfes blass. Statt mit frischen Ideen zu überzeugen, verfolgte er eine aggressive Anti-Trudeau-Strategie, ging den Premier hart an und beschimpfte ihn sogar als „Betrüger“ – was nicht ausreichend verfing.

Doch es war nicht nur Scheers Schwäche, die den liberalen Sieg ebnete. Auch die Schützenhilfe eines prominenten Weggefährten sorgte für Aufsehen: Der frühere US-Präsident Barack Obama hatte Trudeau wenige Tage vor der Abstimmung öffentlich unterstützt. Bei Twitter schrieb er, die Welt brauche dessen „progressive Führung“. Ein Meinungsforscher sprach danach von einem „Obama-Effekt“. Trotzdem hat Trudeau – auch wegen der Affären um unterdrückte Korruptionsermittlungen gegen eine kanadische Firma und um alte Fotos, die ihn als Schwarzen geschminkt zeigen, – Vertrauen bei den Kanadiern verspielt. Das zeigt sich im Verlust der absoluten Mehrheit der Sitze durch die Mehrheitswahl in den Wahlkreisen, noch mehr aber darin, dass landesweit mehr Menschen für Scheer stimmten als für Trudeau. Es ist eine deutliche Ohrfeige für die Liberalen, die nun auf die Duldung kleinerer Parteien angewiesen sind.

Die Sozialdemokraten von Jagmeet Singh und die Grünen von Elizabeth May hatten bereits vor der Wahl gesagt, dass sie eine Minderheitsregierung dafür nutzen würden, die liberale Politik nach links zu drücken. Damit könnte Trudeau sich den Forderungen ausgesetzt sehen, das vor allem für kleinere Parteien nachteilige Wahlsystem zu ändern oder eine radikalere Klimapolitik zu fahren. Auch auf die erstarkte Regionalpartei Bloc Québécois könnte eine größere Rolle zukommen.

Berlin dürfte sich über den neuen, alten Premier freuen. So arbeitet die Bundesregierung mit Trudeaus Regierung auf vielen Ebenen gut zusammen – beim Klima, im Freihandel oder bei der Stärkung multilateraler Bündnisse im Zeitalter nationaler Alleingänge. Bei den Kanadiern muss Trudeau in seiner zweiten Amtsperiode viel Vertrauen zurückgewinnen.

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