Theater als Polit-Motor

Üblicherweise schlägt erst Monate nach der Intendanten-Berufung, bei der ersten Spielplan-Konferenz eines Neuen, die Stunde der Wahrheit: Wie hältst du's mit der Innovation? Insofern war gestern ein denkwürdiger Tag. Denn Bodo Busse, der sich als Nachfolger der Saarbrücker Theaterchefin Dagmar Schlingmann vorstellte, hatte bereits ein dezidiertes Einwicklungs-, Profilierungs-und Spielstätten-Programm für das Saarbrücker Staatstheater (SST) im Gepäck. Donnerwetter. Und Ende der Überraschung: Die Revolution fällt aus, was freilich bei der fürsorglich-bewahrenden Grundhaltung saarländischer Kulturpolitik auch nicht anders zu erwarten war.

Nun also das, der Kernpunkt: Deutlich frankophiler soll der Spielplan, das SST zum "Echoraum" europäischen Theaterschaffens werden, neue Kooperations- und Produktionsformen soll es geben. Daneben engere Verknüpfungen mit hiesigen Akteuren, etwa mit den künstlerischen Hochschulen und Festivalmachern. Na, wie klingt das? Nach Passgenauigkeit zur Frankreichstrategie des Landes und nach dem kulturpolitischen Credo von Kultusminister Ulrich Commerçon (SPD ): Großregion! Synergien! Das Theater als Image schärfendes Instrument also. Bereits vor 25 Jahren wollte Kurt-Josef Schildknecht , den der "Saarvoir vivre"-Ministerpräsident Oskar Lafontaine (SPD ) berufen hatte, französishes Publikum und Profil gewinnen. Ein Flop, denn die Saarländer zogen beim Basteln an solchen kulturpolitischen Idealen nicht mit.

Für Busses Erfolg weit ausschlaggebender dürfte sein, dass er ein Musiktheater-Mann ist. Denn das Herz des hiesigen Publikums, auch des Kultur- und Sponsoren-Establishments, schlägt zweifelsohne im Opern- und Operetten-Takt, und auch die Theater-Belegschaft, allen voran Orchester und Chor, sollen nach den Schauspiel-Intendanten Schildknecht und Schlingmann auf einen Mann aus dem Musikfach gedrängt haben. Verspricht man sich dadurch höheren Schutz für den teuren Status als A-Orchester in Sparzeiten? Das wäre zu kurz gedacht. Denn nur auf den ersten Blick steht die neue personelle Weichenstellung für Publikumsschonung und Konservativismus. Denn längst hat sich die Musiktheater-Sparte vom verknöcherten Gralshüter-Image befreit, erweist sich immer öfter als wagemutiger Innovator, wenn es um spartenübergreifende Experimente geht. Und genau in diesem Segment hat sich Busse überregional bei der Kritik einen guten Ruf erworben.

Da kommt Vorfreude auf. Wehmut natürlich auch. Denn gerade hat das Schlingmann-Team für die letzte Runde bis 2017 einen derart Diskurs-satten, Metropolen-würdigen Spielplan vorgelegt, dass es ein Jammer wäre, knüpfte Busse daran nicht an. Er sollte ihm Ansporn sein.