Suhlen im Sumpf?

Während die Opfer des Amokläufers von Winnenden betrauert und beerdigt werden, beginnt im österreichischen St. Pölten heute der "Jahrhundert-Prozess" gegen das "Inzest-Monster" Josef Fritzl. Beide Ereignisse haben nichts miteinander zu tun - aber sie weisen Parallelen in der medialen Darstellung und Bewältigung von Schwerverbrechen auf

Während die Opfer des Amokläufers von Winnenden betrauert und beerdigt werden, beginnt im österreichischen St. Pölten heute der "Jahrhundert-Prozess" gegen das "Inzest-Monster" Josef Fritzl. Beide Ereignisse haben nichts miteinander zu tun - aber sie weisen Parallelen in der medialen Darstellung und Bewältigung von Schwerverbrechen auf. Presse und Rundfunk spielen dabei eine entscheidende und oft fragwürdige Rolle. Wer den Medien-Hype um Winnenden beobachtet, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, für manche Medien sei die Richterskala des Zumutbaren nach oben offen. Insbesondere Privatsender und Boulevard-Blätter reagieren geradezu elektrisiert, wenn irgendwo auf der Welt ein Wirrkopf durchdreht und Menschen zu Schaden kommen: Die Redaktionen machen blitzartig mobil, überfallen den Ort des Geschehens, bedrängen Opfer und Angehörige, walzen das Entsetzen aus, beleuchten die menschlichen Abgründe bis in die letzten Verästelungen. Vordergründig, um die scheinbaren Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. In Wirklichkeit geht es um Quote und Auflage.Selbstverständlich wird jeder Boulevard-Redakteur ein Suhlen im Sumpf empört zurückweisen und auf seine Informationspflicht pochen. Notfalls auch auf Artikel 5 des Grundgesetzes, in dem die Meinungs- und Pressefreiheit fixiert ist. Was dabei gern verdrängt wird, ist das Gebot der Verhältnismäßigkeit. Deutschlands größte Zeitung meint sogar, den Voyeurismus der Menschen noch befeuern zu müssen, und stellt online den Tathergang als so genannte Flash-Grafik dar: Der "Kunde" kann mit Zielfernrohr selbst den Amokläufer spielen. Und aus dem Fernsehen trieft die geifernde Betroffenheit von Reportern, denen auch kein Trauergottesdienst heilig ist. Im Namen der Pressefreiheit - oder eines kommerzgetriebenen Sensations-Journalismus? Wenn in dieser Woche der Fall Fritzl verhandelt wird, belagern wieder Heerscharen von Reportern das Gericht in St. Pölten, wo einem kranken Kriminellen der Prozess gemacht wird. Keine Frage, die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, über die juristische Aufarbeitung dieses spektakulären Vergehens informiert zu werden. Da die Grenzen zwischen seriöser Berichterstattung und billigem Gossen-Journalismus aber fließend sind, wird es auch diesmal wieder Diskussionen über die angemessene Art der Darstellung geben. Der Presserat sollte sich nicht scheuen, Verstöße gegen Ziffer 11 des Pressekodex (Verhalten bei Unglücksfällen und Katastrophen) zu ahnden. Denn Pietät, daran besteht kein Zweifel, ist auch eine journalistische Kategorie.