Streik um "Gotteslohn"

Der Herr hat die Gebete der Kirchenoberen nicht erhört: Auch in kirchlichen Einrichtungen darf künftig gestreikt werden, um tarifliche Interessen durchzusetzen. Das Bundesarbeitsgericht stärkt damit ein Stück weit die Rechte von mehr als einer Million Mitarbeitern bei Diakonie und Caritas

Der Herr hat die Gebete der Kirchenoberen nicht erhört: Auch in kirchlichen Einrichtungen darf künftig gestreikt werden, um tarifliche Interessen durchzusetzen. Das Bundesarbeitsgericht stärkt damit ein Stück weit die Rechte von mehr als einer Million Mitarbeitern bei Diakonie und Caritas. Der Streit um kirchliche Sonderwege dürfte jedoch weitergehen und wird womöglich erst von der "letzten irdischen Instanz", dem Bundesverfassungsgericht, entschieden.Dem Urteil von Erfurt ging ein jahrelanger subtiler Kampf zwischen den beiden großen Kirchen und der Gewerkschaft Verdi voraus. Der Fall musste zwangsläufig vor Gericht landen, denn beide Seiten können sich auf verbriefte Rechte berufen, die sogar grundgesetzlich geschützt sind. Es war der profane Staat, der mit der Ökonomisierung auch des sozialen Lebens in den 90er Jahren die Kirchen in ein Dilemma stürzte, aus dem sie sich nur noch "neoliberal" zu helfen wussten: Um im Konkurrenzkampf gegen private Einrichtungen bestehen zu können, setzten auch Diakonie und Caritas zunehmend auf Zeit- und Leiharbeit sowie auf komplette Ausgliederung (Outsourcing). Ein teuflischer Zwang, denn so gerieten ausgerechnet die frommen Arbeitgeber in eine Glaubwürdigkeitsfalle.

Die Krücke des "Dritten Weges", wie die Konsensfindung ohne Recht auf Streik und Aussperrung genannt wird, half da nur notdürftig. Denn eine Kirche, die ausgerechnet die Schwächsten (wie etwa Putzkräfte) aus ihrer Gemeinschaft ausgliedert, widerspricht diametral den christlichen Idealen, die kein Geringerer als Jesus von Nazareth verkörpert.

Gewiss, die Argumentation der Kirchen, die in Deutschland manche Privilegien genießen wie etwa das Recht auf Religionsunterricht an staatlichen Schulen, ist nachvollziehbar. Organisierte Streiks in Häusern des Herrn passen nicht so recht zur weihevollen Atmosphäre kirchlicher Einrichtungen. Obwohl: Auch der junge Jesus kannte kein Pardon, als er sogar handgreiflich wurde und die Händler und Pharisäer lautstark aus dem Tempel warf.

Der Spruch der Erfurter Richter ist zwar nicht weise, sondern eher schwammig und zaghaft. Doch das Urteil gewichtet die Rechte der Arbeitnehmer immerhin so, wie es der inneren Logik des Interessenausgleichs in einem sozialen Rechtsstaat entspricht. Ja, es stimmt: "Die Erfüllung des Auftrags des Herrn ist nicht bestreikbar", wie Caritas-Präsident Peter Neher die Haltung der Kirchen begründet. Aber ob es tatsächlich der Auftrag des Herrn sein kann, kirchliche Mitarbeiter in Kliniken, Tagesstätten oder Krippen unter tariflichem Niveau zu bezahlen und keinen Protest dagegen zuzulassen, ist schwer zu glauben.