Sterben braucht Begleitung

Kaum ein anderes Feld der Medizin hat in den vergangenen 25 Jahren ähnlich an Bedeutung gewonnen wie die Begleitung Schwerstkranker und Sterbender. Doch genug ist immer noch nicht genug, das sagt die gestern vorgelegte Bertelsmann-Studie zur palliativmedizinischen Versorgung in Deutschland.

Das sagt zudem ein Gesetz zum Ausbau von Palliativmedizin und Hospizarbeit, das der Bundestag übermorgen verabschieden will. Rund 200 Millionen Euro mehr sollen in die Pallaitivmedizin fließen.

Wie notwendig das ist, verklaren wenige Zahlen: 90 Prozent der Menschen brauchen am Ende ihres Lebens palliativmedizinische Betreuung, vor allem Schmerzlinderung, aber nur 30 Prozent bekommen sie. Und: 76 Prozent wollen zu Hause sterben, doch nur 20 Prozent wird dies ermöglicht. Es ist dies ein inakzeptabler Befund, der selbst hierzulande die Politik noch einmal beschäftigen müsste - unabhängig davon, dass die Studie dem Saarland fast in allen Punkten gute Noten erteilt. Schließlich existiert hier eine flächen deckende Versorgung mit Hospizen und Spezialteams - bundesweit sind dagegen ein Viertel der Landkreise unversorgt.

Doch auch im Saarland ist die Kernforderung der Experten längst nicht erfüllt: Palliativmedizinische Kompetenz gehört ins gesamte Gesundheitssystem. Das hat weniger mit Moral als mit Logik zu tun. Denn mit der Zahl der Hochbetagten wird auch die Zahl der Vielfach-Erkrankten wachsen, die am Lebensende länger leiden. Wir sprechen also von einem Massenphänomen. Zumal es der Palliativmedizin nicht darum geht, die letzten 24 Stunden erträglich zu gestalten, sondern die letzten 24 Monate beschwerdefrei zu halten.

Seit langem kritisieren Deutsche Stiftung Patiententenschutz und Gesellschaft für Palliativmedizin das "Sterben zweiter Klasse" in Heimen. Oft wird Sterbenden noch eine Verlegung in eine Klinik zugemutet oder es wird weiter "aktivierend" gepflegt, statt eine Ruhezone zu schaffen. Das Unterlassen gehört zu den zentralen Inhalten palliativmedizinischer Ethik - und liegt quer zum Kosten-Modell eines Gesundheitswesens, das Aktivität und Gerätemedizin belohnt. Hier muss ein Umdenken einsetzen. Ein Palliativmediziner wird den Patienten womöglich ermutigen, die vierte Chemo zu unterlassen, weil er ihm einen schmerzfreien Tod versprechen kann.

Und dann wird alles gut? Durch optimale Palliativmedizin erledigen wir die Sterbehilfe-Problematik gleich mit, weil sich der Wunsch Schwerstkranker nach einem selbstbestimmten Tod verliert? Dieses Ausspielen der Palliativmedizin gegen liberale Sterbehilfe prägt seit je die Sterbehilfe-Debatte. Auch sie wird diese Woche das Parlament beschäftigen. Doch als Rammbock sollte uns die Palliativmedizin zu wertvoll sein.