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Standpunkt: Warum Kamala Harris so oft von ihrer Mutter spricht

Analyse : Warum Kamala Harris so oft von ihrer Mutter spricht

Fünf Tage vor ihrer Amtseinführung wurde Kamala Harris von einem Journalisten des amerikanischen Radiosenders NPR gefragt, was ihr wohl durch den Kopf gehen werde, wenn sie auf den Stufen des Kapitols ihren Schwur leiste.

„Ich werde an meine Mutter denken“, antwortete die angehende Vizepräsidentin. „An meine Mutter, die mir vom Himmel aus zuschauen wird.“ In einem anderen Interview zitierte sie, nicht zum ersten Mal, was ihr die Mutter einst mit auf den Weg gab. „Kamala, in vielen Dingen wirst du vielleicht die Erste sein, die etwas Bestimmtes tun kann. Sorge auf jeden Fall dafür, dass du nie die Letzte sein wirst.“

In Amerika gehört es zum guten Ton, dass Politiker, wenn sie ein hohes Amt antreten, immer auch von ihren Eltern reden. Von deren Anteil am eigenen Erfolg. Von Werten, die vermittelt wurden. Aber selten hat jemand so ausführlich, so eindrücklich über die Rolle der eigenen Mutter gesprochen wie Kamala Harris. Was auch damit zu tun hat, dass die Demokratin aus Kalifornien stellvertretend für jenen weltoffenen Teil Amerikas steht, den Donald Trump immer als etwas Fremdes, Naives, Unpatriotisches hinzustellen versucht. Und damit, dass die Geschichte ihrer Mutter eine Migrantengeschichte ist, vielleicht nicht die klassische, wohl aber eine sehr erfolgreiche. Shyamala Gopalan wurde in Indien als Tochter eines hohen Beamten geboren, bevor sie im Alter von 19 Jahren zum Studium in die USA kam. An der Universität Berkeley lernte sie Donald J. Harris kennen, einen Ökonomiestudenten aus Jamaika. Später, von Harris geschieden, zog sie mit ihren Töchtern Kamala und Maya nach Montreal, um dort zu lehren. Shyamala Gopalan, eine auf Brustkrebs spezialisierte Ärztin und Forscherin, starb im Jahr 2009. In ihrem Leben, so Harris, habe es „keine größere Quelle der Inspiration“ gegeben als ihre Mutter. Diese sei, nachdem sie 2016 in den Senat in Washington gewählt worden war, „der Grund für alles“. Man könne nicht wissen, wer Kamala Harris sei, wenn man nicht wisse, wer Dr. Shyamala Gopalan sei, fasst es ihre Schwester Maya zusammen.

Vielleicht liegt es an ihrer Biografie, dass sie immer wieder mit Barack Obama verglichen wird. Dem Sohn einer weißen Mutter aus Kansas und eines schwarzen Vaters aus Kenia, der auf Hawaii und in Indonesien aufwuchs und das eigene Land immer auch mit den Augen eines kritischen Beobachters sehen konnte. Letzteres sagt man auch über Harris. Für die USA, einen weitgehend mit sich selbst beschäftigten Koloss, ist die Welterfahrung der 56-Jährigen keineswegs selbstverständlich, so wie es nicht selbstverständlich ist, etwas über den Rest der Welt zu wissen. Manchmal wird die eigene Ignoranz sogar als Ausdruck besonderer Vaterlandsliebe gefeiert. Vielleicht liegt es auch daran, dass die ehemalige kalifornische Generalstaatsanwältin Harris, die in der politischen Mitte zu Hause ist, von Anhängern Trumps derart angefeindet, zur Kommunistin gestempelt und als eine Fremde charakterisiert wird.

Man könne Menschen nicht in Schubladen stecken, sagte Harris, als sie skizzierte, mit welchen Leitbildern sie in den Wahlkampf 2020 zu ziehen gedachte. Niemand lebe ein Leben, in dem sich alles nur um ein Thema drehe. Was die Leute wollten, seien Politiker, die der Komplexität jedes einzelnen Lebens gerecht würden. Es war ihre Antwort auf die Schwarzweißbilder, die Stereotypen, die groben Vereinfachungen der Trumpisten. Das mit den Premieren, die ihre Mutter prophezeit hatte, ist seit Mittwoch um ein Kapitel reicher. Dr. Gopalans Tochter ist nicht nur die erste Frau im Vizepräsidentenamt, sie ist in dem Amt auch die erste Frau mit afroamerikanisch-karibischen und südasiatischen Wurzeln.