Spannung pur

Spannender war es nie vor einer Landtagswahl in Baden-Württemberg. Der Südwesten nähert sich vielmehr einem Wahlkrimi, wie ihn das Land nie gesehen hat. Schon 2011 glich einer Zäsur, als Grün-Rot nach 58 Jahren die CDU an der Regierung ablöste.

Fünf Jahre später hoffte die CDU auf Rückabwicklung des Betriebsunfalls. Und eine Zeit lang sah es auch so aus, als käme die selbst ernannte "Baden-Württemberg-Partei" durch die starke AfD im Schlafwagen an die Macht. Doch so wird es nicht sein.

Das Flüchtlingsthema wird - wie im Landtagswahlkampf 1992 die Republikaner - die rechtspopulistische AfD in den Landtag spülen. Zwischen zehn und zwölf Prozent liegt sie in Umfragen. Doch vor 24 Jahren gingen die beiden Wahlverlierer CDU und SPD eine große Koalition ein. So wird es nicht mehr kommen. Grün-Rot unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann kämpft um die Fortsetzung der Regierung. Und die Chancen stehen immer besser. Nach der jüngsten INSA-Umfrage ziehen die Grünen erstmals an der Südwest-CDU vorbei: 30,5 Prozent die einen, 30 Prozent die anderen. Für die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Guido Wolf wäre das der GAU. In dem Maße wie Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer europäisch ausgerichteten Asylpolitik und der damit verbundenen Langsamkeit an Zustimmung verliert, laufen CDU Wähler zu jenen, die mit schlichten Sätzen einfache Lösungen versprechen oder wenden sich der Rettung der Liberalen zu.

Wolf versuchte lange den Drahtseilakt zwischen Merkel-Kritiker und größtem Angie-Fan, zwischen Seehofer-Versteher und Kanzlerinnen-Ministrant. Doch während Julia Klöckner Strategien ausdachte, wie sie den Merkel-Bonus nutzen kann, ohne sich mit dem Merkel-Malus zu infizieren, sah man Baden-Württembergs Spitzenkandidat Guido Wolf nur reagieren und an Klöckners Seite stehen. Das hat Folgen. Die Zustimmungswerte zu seiner Person waren ohnehin mau, nun aber zeichnet sich ein persönliches Debakel ab.

Die oppositionelle FDP schloss am Wochenende aus, in einer Ampelkoalition aus Grünen, SPD und FDP mitzumachen. Jedenfalls tut dies der Spitzenkandidat und Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich Rülke. In der Partei zeigt man sich offener. Nicht nur die FDP , auch Wolfs CDU spekuliert darauf, dass die derzeit durch Umfragewerte um die 16 Prozent gebeutelte SPD an den Trögen der Macht verharren will. Doch danach sieht es nicht aus. Landeschef Nils Schmid jedenfalls sieht für solche Manöver keine Mehrheit in der Partei. Dass Kretschmann indes längst der stabilste Verteidiger Angela Merkels ist, während diejenigen, deren Unterstützung sie formal nutzen, inzwischen auf Distanz gehen, vollendet das Paradox dieses Landtagswahlkampfes.