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Spaniens Elite schützt eine blutige Tradition

Spaniens Elite schützt eine blutige Tradition

Der Protest internationaler Tierschutz-Organisationen half nicht: Spaniens Parlament hat die blutigen Stierkämpfe zum „nationalen Kulturerbe“ erhoben, womit diese umstrittene Tradition künftig gesetzlich geschützt ist. Und sogar mit zusätzlichen Subventionen aus der Staatskasse rechnen kann.

Nach dem Abgeordnetenhaus stimmte jetzt auch der Senat dem Gesetz zum Erhalt und zur Förderung der "Stierkampf-Kunst" zu.

Das Torero-Gesetz, an dessen Anfang eine Volksinitiative der Stierkampf-Lobby stand, wurde mit der absoluten Mehrheit der regierenden Konservativen durchgeboxt. Die größte Oppositionspartei, die Sozialisten, enthielt sich. Nur mehrere kleine Links- und Öko-Bewegungen sowie antispanische Regionalparteien aus dem widerspenstigen Katalonien und dem Baskenland stimmten dagegen. Nun will Spanien auch noch bei der Kulturorganisation der Vereinten Nationen beantragen, dass der blutige und ungleiche Kampf zwischen Torero und Kampfbullen zum Weltkulturerbe erklärt wird.

Der Stierkampf hat in Spanien sehr einflussreiche Fürsprecher. König Juan Carlos ist ein großer Fan, ebenso der konservative Regierungschef Mariano Rajoy. Viele Unternehmer und Politiker treffen sich gern auf den Tribünen, um nebenbei neue Geschäfte anzubahnen, während unten im Sand der Stier blutet.

Vor den Arenen demonstrieren derweil regelmäßig die Aktivisten. "Tierquälerei ist keine Kultur", heißt ihre Kampf-Parole. Auf Protest stößt vor allem das blutige Ritual, bei dem den Stieren erst Lanzen und Speere in den Rücken gerammt werden, ehe der Torero dem geschwächten Tier seinen Degen in den Nacken stößt. Schon jetzt leidet das Image des eigentlich so geschätzten Urlaubslandes unter diesem grausamen Brauch, der Jahr für Jahr weltweit Empörung und Negativ-Schlagzeilen provoziert. Die britischen Reise-Agenturen haben das "nicht akzeptable" Stier-Spektakel inzwischen aus ihren Katalogen gestrichen.

Auch das spanische Volk wendet sich zunehmend ab von den "Corridas". In den Arenen, die ohne Subventionen kaum überleben können, bleiben immer mehr Sitzplätze leer. Nach der Stierkampf-Statistik der spanischen Regierung stürzte die Zahl der Veranstaltungen letztes Jahr auf knapp 2000 ab. Vier Jahre zuvor waren es noch 3300 Spektakel, bei denen in der Regel jeweils sechs Stiere getötet werden. Nach den amtlichen Zahlen besuchten zuletzt nur acht Prozent der spanischen Bevölkerung einen Kampfplatz. Auf den Kanarischen Inseln wurden die Arenen bereits vor zwei Jahrzehnten geschlossen. Die Region Katalonien erregte 2012 Aufsehen durch ein Stierkampf-Verbot.

Mit dem neuen Gesetz will Spaniens konservative Regierung verhindern, dass die Corrida noch weiter in die Defensive gerät und irgendwann ganz verschwindet. Doch warum eine zunehmend umstrittene Tradition künstlich am Leben erhalten, wenn sie ohnehin keine Zukunft hat? Es stimmt natürlich: Die Stiere sind das berühmteste Markenzeichen Spaniens. Es sind noble und stolze Tiere, und ihre Zucht sorgt auch dafür, dass in der Provinz viele Weiden gepflegt werden und herrlich grün bleiben. Aber gerade deshalb würden Spanien sicher die Herzen aus aller Welt zufliegen, wenn sich das Land dem Erhalt der Stiere verschreiben würde. Und nicht nur dem Schutz der Toreros.