Seehofer nimmt Gamer nicht zu Unrecht ins Visier

Kampf gegen Rechts : Gamer im Visier der Sicherheitspolitiker

Die Gamer sind empört. Sie fühlen sich nach den Morden von Halle von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) zu Unrecht an den Pranger gestellt. „Viele von den Tätern oder den potenziellen Tätern kommen aus der Gamerszene“, hatte Seehofer in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“ gesagt.

Manche der Attentäter nähmen sich Spiele zum Vorbild. „Man muss genau hinschauen, ob es noch ein Computerspiel ist, eine Simulation oder eine verdeckte Planung für einen Anschlag“, sagte Seehofer. Stellvertretend wies Felix Falk, der Geschäftsführer des Branchenverbandes Game, die Aussagen von Seehofer zurück: „Die Games-Community unter einen Generalverdacht zu stellen, zeugt vor allem von Unkenntnis und Hilflosigkeit.“

Tatsächlich spielen Millionen Menschen in Deutschland an der Konsole, am PC oder Smartphone oft stundenlang, ohne im Verdacht von rechtsextremen Umtrieben zu stehen. Fast jeder Zweite hierzulande spielt regelmäßig. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil kritisierte Seehofer: „Das Problem heißt Rechtsextremismus, nicht Gamer oder sonst was.“ Ein Sprecher des Innenministeriums bemühte sich um Schadensbegrenzung: Es sei keinesfalls beabsichtigt, „die gesamte Spielebranche oder Gamerszene in Misskredit zu bringen“.

Auf Twitter wurden aber auch Stimmen laut, die einen kritischen Blick auf die Szene einforderten. „Alle, die so tun, als gäbe es im Gaming-Bereich kein vermehrtes Problem mit Rassismus, Rechtsradikalismus und vor allem Frauenfeindlichkeit, sollen mal fröhlich in Gaming-Subreddits oder bei Steam rumschauen“, schrieb die Autorin und Radio-Moderatorin Sophie Paßmann. Subreddits sind Untergruppen auf der Plattform Reddit, auf der registrierte Benutzer Inhalte einstellen können.

Experten weisen seit Monaten darauf hin, dass insbesondere auf der Gaming-Plattform Steam viele zweifelhafte Inhalte zu finden sind. Dort posten Anwender Beiträge, die sich selbst nach bekannten Rechtsterroristen benennen oder Hakenkreuze als Symbole verwenden. 

Es geht den Innenpolitikern der großen Koalition aber nicht nur darum, Steam & Co. stärker in die Pflicht zu nehmen. Sie sind sich angesichts der neuen Dynamik im rechtsextremistischen Bereich im Prinzip einig, dass die Sicherheitsbehörden im Internet mehr Zugriffsmöglichkeiten brauchen. Dies gelte für „das gesamte Internet“ und damit auch für Plattformen, auf denen sich die Gamer-Szene austauscht, sagt Uli Grötsch, Vertreter der SPD im Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestags. Fragt man Abgeordnete von Union und SPD, die sich vorrangig um Justiz und Netzpolitik kümmern, mehren sich dagegen die kritischen Stimmen von denjenigen, die vor zu großen Eingriffen in die Privatsphäre der Bürger warnen.

Eine Bekämpfung des Rechtsextremismus im Netz erweist sich aber nicht nur für die Berliner Politik als komplexe Aufgabe. Außerhalb des Wirkungsbereichs der deutschen Justiz gibt es im Netz unzählige Foren wie 8chan und sogenannte Imageboards, in denen Rechtsextremisten sich mit ihren Gewaltfantasien austoben können, um alles wenig später nur als Witz zu bezeichnen. Die Hetzer und Trolle werden gedeckt, auch weil die Betreiber dieser Plattformen sich für das Recht auf die radikale Variante der freien Meinungsäußerung ohne jede Grenzen einsetzen. Und selbst wenn man die Foren alle intensiv überwachen würde, wären perfide Provokationen nur schwer von echtem Terror zu unterscheiden.

Als der Attentäter von Christchurch seinen Anschlag in dem Online-Forum 8Chan ankündigte, seien sich viele Nutzer – darunter einige seiner Online-Freunde – nicht sicher gewesen, ob er es wirklich ernst meinte, erklärte die Extremismus-Forscherin Julia Ebner von der Londoner Denkfabrik Institute for Strategic Dialogue.