Schul-Utopia rückt näher

Wer mit ihren Ehemaligen spricht, kann kaum zweifeln: Die gebundene Ganztagsschule empfiehlt sich demnach als pädagogisches Mittel der Wahl. Viele Ex-Schüler berichten von Schultagen, an denen sich Lernen und Entspannung ideal abwechseln. Kinder treffen auf Lehrer und Schulsozialarbeiter, die Frontalunterricht höchstens noch als Unwort aus grauer Schulmeisterzeit kennen. Und nachher hat man eben nicht nur Mathe und Französisch intus, es blieb auch Zeit, eigene Projekte zu stemmen.

Zugegeben, sowas klingt für alle, die die Schulbank vor Jahrzehnten verlassen haben, nach einem bildungspolitischen Utopia; ist aber an (noch zu) wenigen gebundenen Ganztagsschulen im Saarland überraschend greifbar. Da kommt das Lob der neuen Bertelsmann-Studie nun gerade recht. In puncto zusätzliche Lernzeiten und Personalausstattung liegen wir hier sehr gut, heißt es da. Bildungsminister Ulrich Commerçon wird mehr als dankbar sein für so viel Rückenwind. Tatsächlich nämlich ist man vom Ziel der schwarz-roten Landesregierung, das die SPD in den Koalitionsvertrag diktierte, bis Ende der Legislaturperiode nächstes Jahr 25 neue dieser Ganztagsschulen vorweisen zu können, noch meilenweit weg. Zehn unter Soll, so der aktuelle Stand. Ein gewaltiger Dämpfer für den ambitionierten Minister. Zumal er da auf einem der raren Felder ackert mit noch echt sozialdemokratischem Saatgut.

Vielerorts hier gibt es dagegen freiwillige Ganztagsschulen . Da wird vormittags unterrichtet, und nachmittags wird der Nachwuchs mehr oder minder engagiert betreut. Für berufstätige Eltern ist das zwar ein Segen, mit Blick auf die Möglichkeiten einer echten, aber auch verpflichtenden Ganztagsschule jedoch eine Mogelpackung. Genau diese Nachmittagsverpflichtung provoziert zudem Widerstände. Nicht wenige Lehrer tun sich schwer beim Gedanken, den gesamten Tag in der Schule sein zu müssen. Dazu kommt der nachvollziehbare Wunsch vieler Eltern, ihre Kinder nicht den ganzen Tag in die Schule zu schicken. Auch beim Sport und im Musikverein lernt man schließlich Wichtiges fürs Leben; dafür ließe die Ganztags-Pflichtschule kaum noch Zeit. Selbst ein Bildungsminister , der Feuer und Flamme für diese Schulform ist, tut also gut daran, da Wahlfreiheit zu lassen.

Wer auf Dauer von den Vorzügen der echten Ganztagsschule überzeugen will, muss also einen langen, langen Atem haben. Vor allem aber muss Commerçon auch bei seinen Ministerkollegen noch weiter kräftig streiten. Wahre Ganztagsschulen brauchen nämlich reichlich gut ausgebildete Pädagogen. Weitaus mehr als bislang vorhanden. Kurzum, man müsste mehr Geld locker machen. Im Moment aber investiert das schwarz-rote Knauserkabinett von der Saar viel zu wenig in diese Form der Überzeugungskraft.