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Russen und Türken müssen Kriegslogik durchbrechen

Russen und Türken müssen Kriegslogik durchbrechen

Artilleriebeschuss aus der Türkei, russische Raketen auf syrische Krankenhäuser, Luftangriffe auf eine Dorfschule - immer wenn es so aussieht, als könne die Lage in Syrien nicht schlimmer werden, dreht sich die Spirale der Gewalt noch schneller.

Russland bombt der Armee des türkischen Erzfeindes Baschar al-Assad den Weg frei. Ankara dagegen will mit dem Artilleriebeschuss auf die Gegend um Azaz syrische Rebellengruppen schützen, die durch die von Russland unterstützte Regierungsoffensive um die Großstadt Aleppo in Bedrängnis geraten sind. Die russische Regierung erklärte gestern zudem, die Türkei habe erneut Kämpfer islamistischer Gruppen über seine Grenzen nach Syrien gelangen lassen.

Kaum jemand glaubt angesichts solcher Fakten an die für diese Woche vereinbarte Waffenruhe im Syrien-Konflikt. Weil alle Akteure überzeugt sind, dass sie auf dem Schlachtfeld mehr erreichen können als am Verhandlungstisch. Bevor diese Logik nicht durchbrochen wird, kann es in Syrien nicht besser werden.

Viel Hoffnung auf eine solche Besserung gibt es nicht. Dennoch sollten Europa und USA besonders eines versuchen: Sie sollten die Türkei und Russland dazu bringen, wieder miteinander zu reden. Der Interessenskonflikt zwischen den beiden Mächten, der lange brodelte, bevor er mit dem Abschuss des russischen Kampfflugzeuges durch türkische Kampfjets im Herbst vergangenen Jahres zum Ausbruch kam, kann nicht ohne weiteres beigelegt werden. Aber er kann in politische Bahnen gelenkt werden, bevor er die Gefechte in Syrien zu einem neuen Nahost-Krieg unter Beteiligung des Nato-Mitglieds Türkei macht.

Die Türkei will Assad von der Macht verdrängen, während Russland den syrischen Präsidenten im Amt halten will, um sich auf diese Weise eine Machtbasis in Nahost zu sichern. Beide Seite haben schwere Fehler gemacht und damit die Lage verschlimmert. Beide glauben, die jeweiligen Kontrahenten durch militärischen Druck zum Einlenken bewegen zu können - ein regierungsfreundlicher Kommentator in Ankara schrieb jetzt, die anderen Akteure im Syrien-Konflikt müssten entweder die Größe der Türkei von sich aus anerkennen oder dies auf die harte Tour lernen. In dieser Situation einen neuen Dialog zu beginnen, ist nicht einfach. Doch die Politiker in beiden Ländern müssen allmählich selbst einsehen, dass die ständige Steigerung der militärischen Spannungen irgendwann außer Kontrolle geraten könnte. Weit ist es nicht mehr bis zu einer direkten Konfrontation zwischen Türken und Russen auf syrischem Boden.

Was geschieht, wenn erneut ein russisches Flugzeug bei einem Einsatz über Syrien in den türkischen Luftraum gerät? Das ist der Abgrund, der sich vor der gesamten Region auftut. Die Nato hat ein Interesse daran, dass es nicht zum Äußersten kommt. Deshalb sollte die Allianz auf ihr Mitglied Türkei einwirken und gleichzeitig das Gespräch mit Russland suchen, allen bestehenden Gegensätzen zum Trotz. Eine Entschuldigung der Türkei für den Abschuss des russischen Kampfjets wäre eine längst überfällige Geste, die viel zur Entspannung beitragen könnte. Ein Ende der russischen Luftangriffe auf gemäßigte Rebellengruppen in Syrien wäre eine andere. Es gibt durchaus Möglichkeiten zur Deeskalation. Aber vielleicht gibt es sie nicht mehr lange.