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Rückkehr einer Hoffnungsträgerin

Rückkehr einer Hoffnungsträgerin

Man kann Michelle Bachelet durchaus als Vorreiterin bezeichnen, als jemanden, der Tabus bricht, der neue Wege aufzeigt. Die 62-Jährige hat so viele Dinge erreicht, die vor ihr niemand geschafft hatte.

Sie wurde 2002 erste Verteidigungsministerin im konservativen Chile, dessen Streitkräfte damals noch durchsetzt waren von Sympathisanten des Ex-Diktators Augusto Pinochet. Sie war erste Präsidentin und ist nun die erste wiedergewählte Staatschefin des schmalen Landes zwischen Anden und Pazifik. "Danke, dass ich Teil dieser Geschichte sein kann", sagte sie bewegt am Sonntagabend vor Tausenden Anhängern in Santiago de Chile.

Es ist so, als kehre eine gute alte Bekannte von einer langen Reise nach Hause zurück. Bachelet, die in den vergangenen Jahren UN-Frauenbeauftragte in New York war, wurde am Sonntag mit einem großen Vertrauensvorschuss gewählt. Die Sozialistin erhielt in der Stichwahl 62 Prozent und damit deutlich mehr als bei ihrer ersten Kür vor acht Jahren. In dem hervorragenden Ergebnis spiegelt sich die Hoffnung der Bevölkerung auf Veränderungen. Denn die 62 Jahre alte Sozialistin wird das Land von Grund auf reformieren müssen. Die Verfassung aus der Zeit der Diktatur ist der Brocken, der den Menschen am schwersten im Magen liegt: Sie verhindert ein faires Wahlrecht, sichert den Unternehmen alle Freiheiten und erschwert den Arbeitnehmerschutz. Daher steht eine Änderung ganz oben auf der Liste von Bachelets Wahlversprechen. Fast genauso wichtig ist der Umbau des Bildungssystems, das ein einträgliches Geschäft für Universitäten und Banken ist. Nirgends auf der Welt kostet Studieren so viel wie in Chile. Künftig soll Bildung frei sein, verspricht Bachelet. Dafür müssen die Steuereinnahmen erhöht werden, was den Unternehmen nicht gefallen dürfte. Aber sie finden in Chile derart paradiesische Zustände, dass ihnen auch nach einer Reform noch immer gute Geschäfte bleiben werden.

Die Kinderärztin Bachelet ist ein Geschöpf des Kampfes gegen die Diktatur. Ihr Vater war Luftwaffen-General, der auf der Seite des demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende stand. Das kostete ihn letztlich das Leben. Michelle und ihre Mutter Angela wurden für Wochen in Foltercamps gesteckt, dann traten sie auf der Suche nach Schutz vor den Schergen Pinochets eine Odyssee über zwei Kontinente an. Erst Australien, dann die DDR. Dort heiratete sie, in Leipzig kam das älteste ihrer drei Kinder zur Welt. 1979 konnte Bachelet zurückkehren, wo sie ihre Facharzt-Ausbildung beendete und Politik machte. Dann entdeckte sie Präsident Ricardo Lagos als politische Begabungsreserve, machte sie erst zur Gesundheits- und dann zur Verteidigungsministerin. Plötzlich befehligte Bachelet die Männer, die für den Tod ihres Vaters und ihre eigenen Folterungen verantwortlich waren und erledigte diese Aufgabe mit Souveränität.

Viel Deutsch sei ihr nicht geblieben, sagte Bachelet einmal unserer Zeitung. Aber mehr als die Sprache hat die designierte Präsidentin deutsche Tugenden behalten: "Ich habe gelernt, mich einer fremden Gesellschaft zu öffnen, und den Wert von Arbeit und Effizienz schätzen gelernt."