Reform im Schneckentempo

Die Revolution ist ausgeblieben bei der Bischofssynode im Vatikan. Umwälzendes hatte allerdings auch niemand erwartet angesichts der Zerstrittenheit der Bischöfe über den Kurs der katholischen Kirche.

Im Gegenteil, die von Papst Franziskus zum Perspektivwechsel gedrängte Kirche trat auf der Stelle bei der Frage, wie viel Wirklichkeit die Doktrin verträgt.

Die reformorientierten Kräfte in der Riege der Bischöfe loben nun das Ergebnis der Versammlung. Türen, die der Papst aufgestoßen habe, seien offen geblieben. Beim Symbolthema der wiederverheirateten Geschiedenen deutete sich gar zaghafte Bewegung an: Für sie sei der Empfang der Sakramente fortan nicht mehr ausgeschlossen, empfehlen die Bischöfe mit knapper Mehrheit, sondern einer in Beichte und Buße gereiften Gewissensentscheidung vorbehalten. Was auf die meisten Menschen wie ein erniedrigender Kniefall wirken muss, ist für die Kirche ein Schritt nach vorn.

Der Papst hatte den Reformprozess mit einer Umfrage unter den Gläubigen angestoßen. Das Ergebnis nach zwei Jahren Beratung ist enttäuschend für alle, die einen grundsätzlichen Wandel für möglich hielten. Die Bischöfe tun sich unendlich schwer damit, weniger zu verurteilen, sondern in erster Linie positive Elemente in menschlichen Beziehungen zu erkennen, die nicht dem katholischen Ideal der sakramentalen Ehe entsprechen.

Der von Franziskus vorgezeichnete Weg zu einer offeneren Kirche ist noch sehr weit. Ob die Reform mit Papst und Bischöfen im Gleichschritt gelingen kann, ist vor allem eine Frage der Zeit. Mitentscheidend ist, wie lange Franziskus amtieren wird. Zum einen hängt davon ab, wie viele Bischöfe und Kardinäle er ernennen kann, die dann die Richtung der Kirche mitbestimmen. Derzeit und noch auf Jahre hinaus prägen die von seinen beiden Vorgängern berufenen Prälaten das Gesicht der katholischen Kirche. Zum anderen bleibt die Frage, wie nachhaltig der Papst die amtierenden Bischöfe für seinen Kurs der Barmherzigkeit gewinnen kann.

Auch nach der Familiensynode bleibt das Paradox bestehen, in das Franziskus seine Kirche geführt hat und aus dem noch kein Ausweg in Sicht ist: Der Papst will nicht nur Bewegung von seinen Bischöfen, er wünscht sich von ihnen auch programmatische Inhalte. Die Bischöfe hingegen sind nach Jahrzehnten des Gehorsams gegenüber Rom nur bedingt fähig zum Dialog, geschweige denn zu mutigen Schritten. Sie erflehen förmlich ein lehramtliches Schreiben des Papstes, in dem strittige Fragen letztinstanzlich geklärt werden. Ob Franziskus diesen Wunsch erfüllen wird, der aus Unvermögen resultiert, ist allerdings zweifelhaft. Zuzutrauen wäre ihm, dass er seine Mitbrüder noch eine ganze Weile erbarmungslos vor sich her treibt.