Putins andere Welt

Es fehlt zwar noch der letzte Beweis. Der englische Richter Robert Owen wagte es dennoch: Der Mord an dem russischen Ex-Geheimdienstler Alexander Litwinenko sei - "wahrscheinlich" - mit Billigung des Geheimdienstchefs Nikolai Patruschew und Präsident Wladimir Putins geschehen, schreibt er.

Der Untersuchungsbericht legt eine dichte Indizienkette vor und zieht auch die Besonderheit politischer Entscheidungsmechanismen im russischen Herrschaftssystem für eine plausible Urteilsfindung mit heran. Dieses "wahrscheinlich" stört zwar das rechtsstaatliche Empfinden, es bleibt leider nur eine Annäherung an die Wahrheit. Aber: Wo die rigide Macht eine Gesellschaft entmündigt, wird es niemand wagen, hochgiftiges, kostspieliges Polonium aus einem staatlichen Atombetrieb zu entwenden, mit dem strahlenden Zeug die Staatsgrenze zu überschreiten und sich in London auf die Suche nach einem Opfer zu machen.

Daher ist der Richterspruch belastbar. Auch wenn in Russland die antiwestlich aufgepeitschte Öffentlichkeit das Ergebnis nicht wahrnimmt. Noch nicht. Es sind solche Verstrickungen, die russische Machthaber verleiten, bis in den Tod im Amt zu bleiben. Ein Rückzug würde Rache provozieren. Fast zehn Jahre sind vergangen, in denen sich Moskau von einem semi- zu einem vollautoritären System mit totalitären Einsprengseln entwickelt hat. Putins Politik im Interesse des Machterhalts beseitigte innenpolitisch alle Gegner. Außenpolitisch gebärdet sich Moskau als Aggressor, der Anrainern den Schlaf raubt. Dennoch: Mit Putin nicht mehr zu verkehren, wäre bedenklich. Das Volk hat ihn gewählt. Das sollte aber nicht den Blick dafür trüben, dass der Kremlchef einer anderen Wertewelt entstammt. Jener Verschmelzung von Staatsapparat und Kriminalität, die in Stalins Lagern begann und im postsowjetischen Russland im Schulterschluss zwischen Ex-KGB und Kriminellen zur höchsten Blüte gelangte. Man muss mit Putin reden. Ohne Anbiederung und mit klarer Ansage. Diese Sprache wird verstanden. Dafür gibt es dann auch Respekt! Ein Schlüsselwort des Präsidenten, übrigens. In den vergangenen Monaten kamen erschütternde Enthüllungen aus dem Herrschaftszirkel ans Licht. Russische Beobachter sprechen seither nicht mehr von einem korrupten System. Die organisierte Kriminalität sei vielmehr das System.

Wer mit Putin redet, muss wissen, wen er da vor sich hat. Und er sollte dies den Kremlchef auch wissen lassen. Das fördert gegenseitigen Respekt und verkürzt die Lösungswege. Einseitige Vorleistungen werden in diesem Milieu als Schwäche ausgelegt. Das sollte bedenken, wer sich mit der Aufhebung der Sanktionen in Moskau Liebkind machen möchte.

Mehr von Saarbrücker Zeitung