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Putin setzt auf neuen russischen Patriotismus

Putin setzt auf neuen russischen Patriotismus

Ein Fahnenmeer taucht den Roten Platz in Moskau in die russischen Landesfarben. Weiß-blau-rot, wohin das Auge blickt.

Der Tag der Arbeit, an dem ansonsten das Rot der Kommunisten dominiert, wird in diesem Jahr zum eindrucksvollen Zeichen des wiedererstarkten Nationalbewusstseins im größten Land der Erde. Die kremlnahe Jugendorganisation Junge Garde schwärmt von der "Größe, Schönheit und Unbesiegbarkeit" des Landes.

Der Anschluss der ukrainischen Halbinsel Krim hat dem Patriotismus in Russland einen neuen Höhepunkt beschert - wohl auch gerade wegen des scharfen internationalen Protests. Kreml-Chef Wladimir Putin erreicht in Umfragen rekordverdächtige Spitzenwerte von mehr als 80 Prozent Zustimmung. "Friede - Arbeit - Putin", steht auf einem Plakat in Moskau. Von einem "Russischen Frühling" ist die Rede.

Mit mehr als 100 000 Teilnehmern ist die Kundgebung die größte seit Jahren in der Hauptstadt. Und erstmals seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zieht die traditionelle Mai-Parade wieder über den Roten Platz im Herzen der Millionenmetropole. Alles geschehe ganz nach dem klassischen nostalgischen Schema, betont der Vizechef des Moskauer Gewerkschaftsverbandes, Alexander Masunow. "Wie zu Sowjetzeiten", schreibt das Internetportal newsru.com. Drinnen im Kreml ehrt Putin fünf Bürger als "Helden der Arbeit". Den Ehrentitel, einst auch in der DDR bekannt, hatte der Präsident erst im Vorjahr wieder eingeführt.

Eine "Rückkehr zur sowjetischen Stilistik", erkennt darin die Tageszeitung "Wedomosti". Das Blatt kritisiert, Kundgebungen und Losungen dienten wie unter den Kommunisten einzig dazu, die Zustimmung zur Politik der Regierung zu sichern. Für Kritiker sind dies Zeichen, dass Putin einen Staat nach Vorbild der Sowjetunion wiedererrichten wolle, eine "Sowjetunion 2.0". Beobachter fühlen sich aber eher an eine andere Epoche erinnert: den Imperialismus der Zarenzeit - besonders mit Blick auf den umstrittenen Landgewinn. Der Anschluss der Halbinsel Krim habe den nationalen Stolz seiner Landsleute geweckt, meint auch Putin. "Es stellt sich heraus, dass der Patriotismus tief in uns steckt", sagte der Präsident unlängst im Staatsfernsehen.

Seit seiner Rückkehr in den Kreml zu einer dritten Amtszeit vor zwei Jahren hat er nach Ansicht von Kritikern Bürgerrechte sukzessive geschwächt und geht immer härter gegen seine Gegner vor. Dass dies oft zulasten der Wirtschaft geht, ficht Putin offenbar nicht an. Gerade wegen der Sanktionen von EU und USA gegen russische Politiker und Geschäftsleute sowie Unternehmen in der Ukraine-Krise nimmt die Wagenburgmentalität zwischen Ostsee und Pazifik noch zu. Viele fallen in die Rhetorik des Kalten Krieges zurück. Ein Angriff auf einzelne gilt gleich als Angriff auf das Land. Demonstrativ ließ Putin ein Konto bei der von Zwangsmaßnahmen betroffenen Bank Rossija öffnen, andere Politiker folgten sofort. Superreiche Oligarchen stellen die Sanktionen gegen sich als Strafe für ihren patriotischen Einsatz dar.

An ihrem wichtigen Feiertag 1. Mai zollen selbst die Kommunisten dem Präsidenten Respekt. Voller Hochachtung betonte ihr politischer Führer, Gennadi Sjuganow, Putin spreche neuerdings von der "russischen Seele". Die nationale Karte - sie sticht.