Putin bleibt unberechenbar

Für die "Unsrigen und Paris" steht seit ein paar Tagen auf den Bomben , die russische Flieger über Syrien abwerfen. Diesmal sind die Bomben wohl wirklich für Stellungen des Islamischen Staates bestimmt und landen nicht bei der syrischen Opposition.

Russland nimmt Rache. Präsident Wladimir Putin ist komplett umgeschwenkt. Paris machte dies möglich.

In den ersten Stunden nach den Anschlägen lief Moskaus antiwestliche Propagandamaschine noch im herkömmlichen Modus weiter. Kübelweise wurde Frankreich mit Dreck überhäuft. Von Verbrechen der Kolonialzeit bis hin zu den in Russland als frevelhaft empfundenen antireligiösen Karikaturen der Zeitschrift "Charlie Hebdo". "Dieses verlotterte Paris war doch selbst schuld!", lautete der Tenor. Dann der abrupte Wechsel zu Empathie und Mitgefühl.

Putin witterte eine Chance, das Projekt der Anti-Terror-Allianz, für die er schon im September vor den Vereinten Nationen vergeblich geworben hatte, noch einmal aufzulegen. Zwar ist eine Anti-Terror-Koalition noch in weiter Ferne. Der Handlungszwang und Europas erschreckende Verteidigungsnot machten aus dem französischen Präsidenten François Hollande jedoch einen empfänglichen Interessenten für ein Kooperationsangebot des Kremlchefs. Putins Triumph ist programmiert, wenn Hollande auf der Suche nach Unterstützung heute nach Washington und am Donnerstag dann weiter nach Moskau reist. Vor zwei Wochen noch ein Geächteter wird Putin nun um Hilfe gebeten. Doch damit nicht genug. Nach Barack Obama ist er schon der nächste Ansprechpartner. Russland ist zu alter Größe zurückgekehrt, wird die Botschaft zuhause sein.

Auch bei uns dürften die Stimmen zunehmen, die Putin aus der Isolation entlassen möchten und laut über einen vorzeitigen Ausstieg aus den Sanktionen nachdenken. Vielleicht sogar ein Junktim zwischen Syrien und der Ukraine erwägen. Moskau hat unterdessen Oberwasser und wird versuchen, in Syrien Präsident Baschar al Assad nun doch noch länger im Rennen zu halten. Auch wenn man sich in Wien schon auf einen anderen Fahrplan geeinigt hatte.

Russland mag wieder Gesprächspartner sein, aber es ist auf lange Sicht kein verlässlicher Partner mehr. Kooperieren sollte in Syrien möglich sein. Ein Kuhhandel über Sanktionen oder Abstriche an der Minsk-II-Vereinbarung verbieten sich indes. Moskau würde es als Schwäche werten und sich geradezu verleitet fühlen, an einem anderen Ort noch mal zuzuschlagen, falls der patriotische Spannungsabfall es innenpolitisch gebietet.

Auch für unsere verunsicherten europäischen Gesellschaften wäre eine vorschnelle Konzessionsbereitschaft ein falsches Signal. Ruchlosigkeit und Rechtsbruch führen zum Erfolg, hieße diese Botschaft nämlich.