Präsident Kretschmann

Alles schielt am Wochenende nach Nordrhein-Westfalen. Wird sich die rot-grüne Koalition bewähren? Eine SPD-geführte Regierung mit den Grünen: Was im traditionell roten NRW als natürliche Option gilt, ist in Baden-Württemberg fast exotisch

Alles schielt am Wochenende nach Nordrhein-Westfalen. Wird sich die rot-grüne Koalition bewähren? Eine SPD-geführte Regierung mit den Grünen: Was im traditionell roten NRW als natürliche Option gilt, ist in Baden-Württemberg fast exotisch. Auch genau ein Jahr nach der Amtsübernahme des ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands an diesem Samstag ist eine Koalition unter Führung der Grünen die realistischere Variante. Sie werden in Umfragen von einer stabilen Zustimmung getragen, die keineswegs ein in die Luft fliegendes Atomkraftwerk braucht.Auch nach einem Jahr ist vor allem die Unterstützung für den unkonventionellen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann hoch. Ja, sie wächst. Selbst der Landesverband der Industrie lobt seine "völlig unideologische, pragmatische Politik" - und das obwohl die Partner ihre politischen Inhalte aus dem grün-roten Koalitionsvertrag in einem Tempo abarbeiten, als hätten sie Angst, morgen aus dem Traum aufzuwachen.

Kretschmanns Besonnenheit ist keine Show. Man nimmt dem Katholiken seine "Politik des Gehörtwerdens" und das Bekenntnis zu mehr Bürgerdialog ab. Da wird auch ein Mann anerkannt, der den Menschen nichts vorlügen will. Doch sollte sich diese "Koalition der Ehrlichkeit" nicht täuschen. Das Wohlwollen der Bevölkerung kann schnell kippen, wenn auf dem Stimmzettel plötzlich über persönliche Einschnitte abgestimmt wird. In den vielen Jahren der Opposition haben Grüne und SPD in Stuttgart das freizügige Geldausgeben der Dauer-CDU stets harsch kritisiert. Nun stehen die Kritiker von einst vor dem Problem, bei schwindenden Ressourcen gewachsenen Ansprüchen einigermaßen gerecht zu werden. Weniger die konkreten Schritte der ökologischen Modernisierung bringt deshalb diese "Wechsel"-Koalition unter Druck. Die Volksabstimmung zu Stuttgart 21 haben Grüne und SPD schließlich auch gesichtswahrend abgewickelt. Vielmehr wird für sie dieser riesige Schuldenberg zum Brocken. Man darf ehrlich gespannt sein, wie sich da die Beliebtheitswerte Kretschmanns entwickeln, ob ihm angesichts seiner präsidialen Art kommende Zumutungen verziehen werden. Das strukturell konservative Baden-Württemberg tickt in jedem Fall anders als Nordrhein-Westfalen.

Die CDU rennt gegen den präsidialen Premier an, diagnostiziert in ihrer Verzweiflung grobschlächtig "Totalversagen". Nur auf seine Entzauberung sollte sie nicht bauen.

Die CDU ist zwar weiterhin mit Abstand stärkste Partei, für eine Rückkehr zur Macht braucht sie aber einen Partner. Krawallopposition bringt da wenig. Wer will schon mit einem Partner koalieren, der einen über Jahre der ideologischen Verbohrtheit geziehen hat?