Politik, eine Geschmacksfrage

Die Grünen waren über Jahre der Darling der deutschen Politik. Vergessen war die Warnung vor dem rot-grünen Chaos, mit der die Union anfangs die Absicht der SPD, mit der Partei der Alt-68er, Friedens- und Ökobewegten zu kooperieren, quasi als Verrat am demokratischen System geißelte

Die Grünen waren über Jahre der Darling der deutschen Politik. Vergessen war die Warnung vor dem rot-grünen Chaos, mit der die Union anfangs die Absicht der SPD, mit der Partei der Alt-68er, Friedens- und Ökobewegten zu kooperieren, quasi als Verrat am demokratischen System geißelte. Die Union selbst ging zeitweise auf Kuschelkurs, weil sie sich den grünen Teich als Sammelbecken etwas überspannter Bürgerkinder schönredete und einen Mehrheitsbeschaffer suchte. Vielleicht auch in der Hoffnung auf einen Image-Transfer: Denn eine Union, mit der die Grünen koalieren, kann ja so altbacken nicht sein. Die Grünen finden die meisten Deutschen nun mal irgendwie sympathisch. Ihre Wähler, analysierte kürzlich "Der Spiegel", müssen sich kaum rechtfertigen; wer sich zu den Grünen bekennt, "darf sich moralisch aufgewertet sehen". Wenn das stimmt, sind die Grünen die wertvollste Marke in der deutschen Politik.Doch sind sie auch Projektionsfläche. Mancher will in ihnen eine liberale Partei mittelständischer Fahrradhändler und Öko-Unternehmer sehen - mit Skepsis gegenüber staatlich-dirigistischen Lösungen. Dabei ist die Partei in vielem "linker" als die SPD - von Hartz IV bis zum Afghanistan-Einsatz. Sie ging in NRW und Hessen auch viel unbefangener mit der Option eines rot-rot-grünen Bündnisses um. Schelte dafür bezog nur die SPD.

Verständlich, dass die Konkurrenz an diesem Teflon-Effekt verzweifelt. Die Union hat daher ihre Strategie geändert. Spätestens seit Angela Merkels Wort vom "Hirngespinst" Schwarz-Grün stehen die Zeichen auf Angriff. Dass die CDU dabei den Slogan von der "Dagegen-Partei" strapaziert und im Internet zeigt, wo grüne Verbände nach dem St.-Florians-Prinzip ökologisch sinnvolle Projekte bekämpfen, ist legitim, aber holzschnittartig. Völlig vergriffen hat sich aber die CSU mit einem Internet-Spot, in dem sie das "ganz grün und dumm rumstehende" Männlein verspottet. Der Versuch, peppige grüne Wahlwerbung nachzuahmen, ist hier gründlich misslungen. Der Spot liegt jenseits der feinen Linie des guten Geschmacks und stärkt im Internet durch tausende Klicks das Bild von der verbiesterten Union. Er wirkt wie ein Beweis, dass ihr der Bezug zum künstlerisch-ästhetischen Milieu, zur Avantgarde, fehlt.

Und hier wird Politik auch zur Geschmacksfrage. Weil ein Gespür für Stil und Ästhetik auf die Nähe zu bestimmten Milieus verweist - und Menschen auch danach wählen, von wem sie sich vertreten fühlen. In Sachen Geschmack sind die Grünen immer ganz dicht bei den modernen, urbanen Wählern. Das ist - und bleibt - ihre große Stärke.