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Peking setzt einen neuen Nadelstich

Peking setzt einen neuen Nadelstich

Die Führung in Peking wiegelt ab, doch die Nachbarstaaten sind alarmiert: Chinas Militär hat Boden-Luft-Raketen in einem umstrittenen Seegebiet stationiert. Auf Woody Island seien Raketenbatterien installiert worden, teilte das taiwanische Verteidigungsministerium gestern mit.

Taiwan und Vietnam beanspruchen Woody Island und die übrigen Paracel-Inseln im Südchinesischen Meer für sich, ebenso wie China. Mit Blick auf die Stationierung der Flugabwehr forderte die Regierung in Taipeh "alle Seiten auf, Frieden und Stabilität zu wahren".

Chinas Vorstoß erhöht die Temperatur in einem schwelenden Konflikt. Die aufstrebende Großmacht erhebt Anspruch auf das ganze Südchinesische Meer bis an den Strand der anderen Anrainer. Ein Drittel des weltweiten Schiffsverkehrs wird in diesem Seegebiet abgewickelt, zudem werden in der Region große Öl- und Gasvorkommen vermutet. Seinen Forderungen verleiht Peking mit der Verlegung von mehr und mehr Kriegsgerät Nachdruck - was im geografischen Umfeld entsprechende Nervosität auslöst.

Die Yongxing-Insel, so die chinesische Bezeichnung für Woody Island, liegt zwar innerhalb der international akzeptierten "ausschließlichen Wirtschaftszone" von 200 Meilen und befindet sich schon seit Jahrzehnten unter chinesischer Kontrolle. Die Installation der Raketen irritiert die Nachbarn jedoch im Zusammenhang mit anderen Aktivitäten der chinesischen Marine: Eine Reihe von Riffen wurden bereits mit tausenden Kubikmetern von Steinen, Sand und Beton zu Stützpunkten ausgebaut, unter anderem entstanden ein Hafen und eine Landebahn für die Luftwaffe.

Die Raketen vom Typ HQ-9, die Taiwan und die USA nun per Satellitenaufklärung auf Yongxing erspäht haben wollen, können rund 200 Kilometer weit fliegen. Sie zielen vor allem darauf, mögliche Luftangriffe zu vereiteln. US-Quellen weisen jedoch düster darauf hin, dass auch ein Angriff auf Zivilflugzeuge möglich sei. Nach chinesischer Interpretation handelt es sich bei der Stationierung des Gefechtsstands um eine völlig legale Nutzung von Seeraum, der zu China gehört. "Gewisse westliche Medien wollen da wieder etwas zu Nachrichten aufblasen", sagte Außenminister Wang Yi bei einer Pressekonferenz. Und sein Ministerium teilte wenig später mit, es gehe lediglich um die Entsendung von "Verteidigungseinrichtungen". Im Übrigen sei die gesamte Inselgruppe urchinesisches Gebiet.

Auffällig ist jedoch, dass die Nachricht ausgerechnet zum Ende eines Gipfeltreffens von US-Präsident Barack Obama mit Führern südostasiatischer Staaten durchsickerte. Nach Ansicht von Experten wurde Pekings Aktion zum Teil dadurch provoziert, dass Washington neuerdings wieder stärker auf seine Vormachtstellung in Südasien hinweist. Für Peking ist das inakzeptabel und kann nicht unbeantwortet bleiben. Das Südchinesische Meer wird damit zunehmend zum Schauplatz der Rivalität zwischen der alten Supermacht USA und dem Aufsteiger China.

Trotz dessen langjähriger Präsenz auf der Inselgruppe gilt die Stationierung von schwerem Gerät als deutliche Provokation. Die Existenz einer kleinen Basis war stillschweigend akzeptiert worden - doch hochmoderne Artillerie hebt die Möglichkeiten der Volksbefreiungsarmee an diesem strategisch wichtigen Punkt auf eine neue Stufe.