Patriarch oder Verbrecher?

Darf ein Stadtteil nach einem verurteilten Kriegsverbrecher heißen? Nein, wird heute Abend der Völklinger Stadtrat voraussichtlich mit großer Mehrheit sagen. Es geht um den Völklinger Stahl-Industriellen Hermann Röchling, der Hitler als Wehrwirtschaftsführer diente und 1949 rechtskräftig zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde

Darf ein Stadtteil nach einem verurteilten Kriegsverbrecher heißen? Nein, wird heute Abend der Völklinger Stadtrat voraussichtlich mit großer Mehrheit sagen. Es geht um den Völklinger Stahl-Industriellen Hermann Röchling, der Hitler als Wehrwirtschaftsführer diente und 1949 rechtskräftig zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Und um den Stadtteil Hermann-Röchling-Höhe mit seinen rund 1300 Einwohnern, der seit 1956 diesen Namen trägt.Mit der Umbenennung der vormaligen "Bouser Höhe" wollte die Stadtratsmehrheit seinerzeit ausdrücklich Hermann Röchlings Verdienste um die Stadt und als fürsorglicher Unternehmenspatriarch würdigen. Über die Schattenseiten aber wurde geschwiegen, gut fünf Jahrzehnte lang. Obwohl die Völklinger beispielsweise auf ihrem Waldfriedhof eine Gedenkstätte für mehr als 200 Zwangsarbeiter finden, die bei Röchling ums Leben kamen. 1987 gab es denn auch eine unbekümmerte Feier zum 50-jährigen Bestehen des Stadtteils. Die Festschrift gab Klaus Lorig (CDU) heraus, der heutige Oberbürgermeister: kein kritisches Wort über Hermann Röchling, stattdessen ein großes Bild des Stadtteilgründers und ein rechtfertigendes Zitat aus seinem Kriegsverbrecherprozess. Ein Umdenken setzte erst 2010 ein, dank einer kritischen Bürgerinitiative.

In diesem Jahr kann der Stadtteil sein 75-jähriges Bestehen feiern. Aber unter welchem Namen? Auch Oberbürgermeister Lorig ist inzwischen dafür, zumindest "Hermann" zu streichen. CDU, SPD und FDP haben angekündigt, dass sie heute Abend die Umbenennung in "Röchlinghöhe" vollziehen wollen. Womit zumindest die Erinnerung an die Unternehmerfamilie als solche erhalten bliebe. Kritikern geht dies allerdings nicht weit genug: Sie sehen den erwarteten Stadtrats-Beschluss als "faulen Kompromiss". Aber auch für diesen Kompromiss musste erst einmal gekämpft werden. Landesweiter Druck trug dazu bei.

Einen überzeugenden anderen Vorschlag als "Röchlinghöhe" gibt es derzeit jedenfalls nicht. Eine Rückkehr zur "Bouser Höhe" wäre irreführend, denn der Stadtteil hat wirklich gar nichts mehr mit der Nachbargemeinde Bous zu tun. Und ein neutraler, aber nichtssagender Name wie "Auf der Höhe" würde einen selbstbewussten Stadtteil zur Gesichtslosigkeit verurteilen. Da lässt man es doch besser bei "Röchling", denn die Familie gehört mit all ihren Schattenseiten untrennbar zur Geschichte des Stadtteils und der Stadt. Mit der Verehrung angeblicher Helden muss allerdings Schluss sein.

Und da wäre noch etwas festzuhalten: Aus vielen Köpfen in Völklingen ist im Laufe der teils erhitzten Debatte der Beton gewichen. Der Weg für eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Stadt ist jetzt frei.