Olympia bizarr

Besser oder schlimmer - je nach Sichtweise - hätte es nicht kommen können. Der Fackellauf des olympischen Feuers, von seiner Idee her eine sportlich-sympathische Demonstration des Friedens und der Völkerfreundschaft, ist zu einer internationalen Parade des Protests geworden

Besser oder schlimmer - je nach Sichtweise - hätte es nicht kommen können. Der Fackellauf des olympischen Feuers, von seiner Idee her eine sportlich-sympathische Demonstration des Friedens und der Völkerfreundschaft, ist zu einer internationalen Parade des Protests geworden. Eines Protests gegen das Unterdrückerland China, gegen die Heuchelei der Funktionäre und gegen den Missbrauch der olympischen Ideale durch machtbesessene Diktatoren. Das ist gut für die politische Hygiene, aber schlecht für den Sport. Ob es auch gut für Tibet ist, steht auf einem anderen Blatt.Seit dem Aufstand tibetischer Mönche Mitte März und der Niederschlagung desselben durch chinesische Soldaten ist die Freude auf die Olympischen Sommerspiele in Peking wie weggeblasen. Genau das, was die alten Männer im Reich der Mitte unbedingt verhindern wollten, nämlich die Fokussierung der Weltöffentlichkeit auf das uralte Problem Tibet, ist nun eingetreten. Das Thema hat sich eingebrannt in das Bewusstsein der Menschen und ist nun untrennbar mit den Pekinger Spielen verschweißt. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, werden es düstere, freudlose Spiele werden. Spiele, die man gern vergisst - wie die von 1936 in Berlin und 1980 in Moskau. Es ist gut so, wenn sich engagierte Menschen in der freien Welt zu schade sind, bloß als billige Kulisse für einen fragwürdigen Fackellauf zu dienen. Es ist gut, dass viele Bürger aktiv eingreifen und ihren Protest gegen die scheinheilige Friedens-Symbolik lautstark artikulieren. Die Chinesen, die längst vom Größenwahn infiziert sind (siehe Shanghai), wollten partout den längsten Fackellauf der Geschichte, weil ihre Führer nach Anerkennung lechzen. Jetzt haben sie ihn - und mit ihm den längsten Protestzug der Geschichte. Wenn die Sache nicht so todernst wäre, könnte man fast Schadenfreude haben. Das Motto der Spiele 2008 lautet wirklich: "Eine Welt, ein Traum." Das passt so bizarr zur olympischen Idee wie die tatsächliche Lage in China/Tibet, wie das unausrottbare Doping im Sport, wie der globale Kommerz, der hinter den Spielen steht. Die Boykott-Frage ist noch nicht endgültig beantwortet, doch eines ist klar: Wenn totalitäre Regime und IOC-Funktionäre schon meinen, sie könnten die Tibet-Frage ignorieren und zugleich das Weltereignis Olympia zur eigenen Glorifizierung nutzen, sollte ihnen zumindest der Spaß daran vergällt werden. Das ändert zwar nichts an den Verhältnissen in China und Tibet. Aber der echte Sport in den Stadien und Hallen, ob in Peking oder sonstwo auf der Welt, wird daran keinen Schaden nehmen.