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Obama steht in Hiroshima vor einem Balanceakt

Obama steht in Hiroshima vor einem Balanceakt

Es ist ein historischer Besuch an der Stätte des atomaren Grauens: Bei der ersten Visite eines amtierenden US-Präsidenten in Hiroshima am Freitag will Barack Obama die Opfer der US-Atombomben vom August 1945 betrauern und die Vision einer atomwaffenfreien Zukunft beschwören. Entschuldigen wird er sich aber nicht, wie er gestern klarstellte. "Nein, denn inmitten des Krieges treffen Regierungschefs alle Arten von Entscheidungen", sagte er in einem Fernsehinterview mit einem japanischen Sender. "Es ist Aufgabe von Historikern, Fragen zu stellen und zu untersuchen." Der Balanceakt spiegelt nicht zuletzt die Befindlichkeiten in den USA wider, wo die Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki mehr als 70 Jahre danach weiterhin ein brisantes Thema sind.

Die USA haben sich nie offiziell für die Atombomben-Abwürfe entschuldigt, die die beiden japanischen Städte vernichteten und Hunderttausende töteten - mindestens 120 000 Menschen kamen sofort ums Leben, mehr als 100 000 weitere erlagen den Langzeitfolgen der radioaktiven Strahlung. Die Atombombe sei das Mittel, um Japan zur raschen Kapitulation zu zwingen - so hatte US-Präsident Harry Truman seinerzeit den Einsatz der erst kurz zuvor fertig entwickelten Waffe gerechtfertigt. Sein Befehl sei ergangen, "um die Agonie des Krieges abzukürzen, um das Leben von Tausenden und Abertausenden junger Amerikaner zu retten", sagte Truman am 9. August 1945 in einer Radioansprache. Seine Logik war, dass ohne die Atombombe eine Bodeninvasion Japans nötig gewesen wäre. Die Szenarien einer solchen Operation sahen den Einsatz von bis zu einer Million US-Soldaten vor. In seinen 1955 erschienenen Memoiren schätzte Truman, bei einer solchen Invasion wäre allein eine halbe Million US-Soldaten getötet worden. Durch den Ablauf der Ereignisse sah sich Truman gerechtfertigt. Denn bereits am 10. August, einen Tag nach dem Inferno von Nagasaki, vier Tage nach dem von Hiroshima, übermittelte der japanische Kaiser Hirohito sein Kapitulationsangebot.

Und so hat Trumans Argumentation, die Atombomben hätten wesentlich mehr Leben gerettet als vernichtet, über die Jahrzehnte hinweg die Haltung der USA zu Hiroshima und Nagasaki geprägt - bis heute. Allerdings haben im Laufe der Jahre die Stimmen derer zunehmend Gehör gefunden, die den bislang fürchterlichsten Waffeneinsatz der Geschichte als schwere moralische Schuld sehen. Der Historiker Christian Appy von der University of Massachusetts führte vergangenes Jahr in einem Essay zum 70. Jahrestag der Atombombenabwürfe aus, dass sechs der sieben damaligen US-Fünf-Sterne-Generäle und -Admiräle keinen Grund gesehen hätten, die neue Waffe einzusetzen - die Japaner seien de facto bereits geschlagen, eine Kapitulation sei auch ohne Bodeninvasion wahrscheinlich. Unter den Top-Militärs gab es auch moralische Bedenken, darunter bei General Dwight D. Eisenhower, dem späteren Präsidenten. Trumans Generalstabschef William Leahy nannte den Einsatz der Atombombe einen Verstoß "gegen jede christliche Ethik, von der ich je gehört habe, und gegen sämtliches bekanntes Kriegsrecht".

Auf die Debatte um die Moral beim Einsatz der Atombombe will sich Obama aber offenbar gar nicht erst einlassen. Der Besuch an der Stätte des atomaren Grauens wird ihn aber kaum unberührt lassen.