Nur keine Sorge um das Reich der Mitte

Peking · Börsenabsturz, Kapitalflucht, Währungsabwertung, geringes Wachstum - die Nachrichten aus China klingen unheilvoll. Tatsächlich steht die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt vor grundsätzlichen Problemen - und das betrifft auch Deutsch land.

Allerdings hat China weiterhin gigantische Reserven, um die Lage zu stabilisieren. Es gibt daher keinen Grund zur Panik. Und deutsche Unternehmen im Asiengeschäft sollten sich vor einem vorschnellen Rückzug hüten.

Tatsächlich ist der bedenklichste Faktor gar nicht der Aktienmarkt, sondern der Abfluss von Kapital. Etwa 100 Milliarden Euro verlassen pro Monat das Reich der Mitte. Die Zahl zeigt, dass mehrere Gruppen von Anlegern ihr Vertrauen in das Land verloren haben. Die Industrie hält sich mit neuen Investitionen zurück. Chinesische Privatleute kaufen Immobilien nun bevorzugt im Ausland. Auch Finanzanleger ziehen derzeit Kapital ab, obwohl sie dabei durch Kontrollen beschränkt werden.

Der unabhängige Ökonom Andy Xie vergleicht die Lage bereits mit der Asienkrise von 1997: Länder wie Thailand hatten zu viel investiert, sie standen vor aufgeblähten Märkten und Überkapazitäten - genau wie jetzt China. Damals folgten der Bankrott von Zentralbanken und eine großflächige Rezession. Xie weist jedoch auch darauf hin, dass so ein Szenario in China derzeit unmöglich ist. Denn die Tigerländer waren damals im Ausland hoch verschuldet und hatten kaum Reserven. China dagegen ist der größte Kreditgeber auf dem Planeten, der Staat ist finanziell fast unbegrenzt handlungsfähig. Auch die Firmen haben sich hauptsächlich Geld im Inland geliehen, wenn auch viel zu viel. Die derzeitigen Devisenreserven von 3,5 Billionen Dollar (3,2 Billionen Euro) erlauben noch jahrelang Kapitalabflüsse mit der derzeitigen Geschwindigkeit.

So weit wird es allerdings gar nicht kommen. Die schrittweise Abwertung der Währung, die derzeit im Gange ist, erhöht nämlich im Gegenteil die Neigung, neue Reserven aufzubauen. Sie kurbelt den Export an und führt dazu, dass im Außenhandel mehr übrigbleibt. Internationale Investitionen der Chinesen wirken da als willkommenes Gegengewicht für den Überschuss. Und sobald wieder gute Nachrichten dominieren, wird das Kapital seine Flussrichtung ändern.

Der Rückgang der Aktienkurse wirkt ebenfalls wie eine gesunde Korrektur. Seit dem Herbst 2014 hatte sich absurd schnell eine Blase aufgebaut, aus der nun die Luft entweicht. Die Folgen werden dabei bei weitem nicht so katastrophal ausfallen wie das Platzen der Immobilien-Blase in den USA 2008 oder der Internet-Blase Anfang des Jahrhunderts. Denn der Aktienmarkt ist in China längst nicht so tief mit der Wirtschaft verzahnt wie in westlichen Ländern, sondern spielt sich eher in einer Parallelwelt ab.

Insgesamt leidet China jedoch ganz klar unter Strukturproblemen. Das alte Wachstumsmodell mit immer höheren Investitionen in neue Fabriken und Immobilien hat ausgedient. Ein alternatives Modell, das auf mehr Kreativität und Binnennachfrage basieren soll, ist noch nicht weit genug entwickelt, um zu übernehmen. Das Wachstumsziel von rund 6,5 Prozent für die kommenden Jahre steht damit in Frage. Doch der Markt bleibt riesig und sehr aussichtsreich. Wer also jetzt im China-Geschäft durchhält, schafft sich langfristig eine hervorragende Position.

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