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Noch fehlt die große Rede des großen Redners

Noch fehlt die große Rede des großen Redners

Berlin. Gerade ist Joachim Gauck aus Afghanistan zurückgekehrt, und die Reise an den Hindukusch hat ihm noch ein paar Stichworte gegeben für die erste Weihnachtsansprache als Bundespräsident. Bis zuletzt wurde an dem Text gearbeitet, heißt es aus dem Präsidialamt

Berlin. Gerade ist Joachim Gauck aus Afghanistan zurückgekehrt, und die Reise an den Hindukusch hat ihm noch ein paar Stichworte gegeben für die erste Weihnachtsansprache als Bundespräsident. Bis zuletzt wurde an dem Text gearbeitet, heißt es aus dem Präsidialamt. Da wird wohl auch der Wunsch eines Soldaten Berücksichtigung finden: Gauck möge die Deutschen auffordern, ihre Leute in Afghanistan nicht zu vergessen, bat der Mann. Gauck war gerührt.Er gilt als brillanter Redner, ließ sich vor seiner Wahl als Vortragsreisender gut bezahlen. Die Weihnachtsansprache ist deshalb eine besondere Herausforderung für ihn. Man dürfe schon glauben, dass dem Ex-Pastor dabei die christliche Botschaft besonders wichtig sei, meinte er kürzlich. Das Schicksal der Flüchtlinge und Asylbewerber zum Beispiel ist so ein Thema, mit dem zu rechnen ist.

Gut neun Monate ist Gauck nun im Amt, erstaunlich finden es manche, dass es die eine große Rede des großen Rhetorikers noch nicht gegeben hat. Wichtige Texte gab es schon, etwa im holländischen Breda oder in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem in Jerusalem, der Dank an die "Mut-Bürger in Uniform" oder die Forderung nach mehr Regelung der Finanzmärkte. Doch Kritiker vermissen die große Europarede, einen roten Faden in dieser Präsidentschaft.

Überhaupt melden sich, nach lang anhaltender Erleichterung über das Ende der Amtszeit Wulff, auch kritische Stimmen zu Wort. Öffentlich wurden sie nur aus der FDP, die ja mit ihrer Entscheidung für Gauck Kanzlerin Merkel unter Druck gesetzt und ihm ins Amt geholfen hat. Seit dem Sommer wird aus dieser Ecke Kritik an Gaucks Personalentscheidungen laut. Staatssekretär David Gill ein SPD-Mann, der erste Sprecher Andreas Schulze ein Grüner, und auch die neue Chefin der Presseabteilung, Ferdos Forudastan, eine Linksliberale, weder katholisch noch konservativ. Gauck weist den Vorwurf parteipolitischer Präferenzen zurück: Gill etwa sei nicht Staatssekretär geworden, weil er in der SPD ist, sondern weil er seit vielen Jahren sein wichtigster und engster Mitarbeiter ist.

Die allermeisten Wähler ficht das alles nicht an, Gauck genießt in Umfragen Zustimmungswerte, die noch über denen der populären Kanzlerin liegen. Die Bürger nehmen auch einzelne Fehler nicht übel, die Gauck unterlaufen sind, die ihm aber selbst durchaus zu schaffen machen. In Brüssel erweckte er den Eindruck, der Entscheidung des Verfassungsgerichts über den Euro-Rettungsschirm vorgreifen zu wollen. In Israel hinterfragte er Merkels Bemerkung, die Existenz Israels sei deutsche Staatsräson.

Distanz zur Kanzlerin? Reflexartig werden alle Äußerungen Gaucks auf diesen Verdacht abgeklopft. Seitdem betont Gauck immer wieder, wie einig er sich mit Merkel sei. Er will der Kanzlerin, die ihn nicht im Amt sehen wollte, keinen Grund geben, sich über ihn zu ärgern. Vor allem will er kein "Politik-Bashing" betreiben, also von oben herab den Berliner Politik-Betrieb kritisieren.

Der Pastor und Theologe ist dabei nicht verschwunden. Manchen kommt er zu pathetisch daher, immer wieder Freiheit und Verantwortung, große Worte statt konkreter Fakten. Gauck begründet das auch damit, dass er eben kein Regierungsmitglied ist, kein Nebenkanzler sein will. Von den hohen Erwartungen will er sich jedenfalls nicht unter Druck setzen lassen. Und die Europarede wird kommen, dafür ist ihm das Thema viel zu wichtig.