Neustart auf Augenhöhe

Es hat tatsächlich Züge einer enttäuschten Liebe: Die Deutschen sind höchst unsanft aufgewacht aus ihrer Schwärmerei für Barack Obama und die Vereinigten Staaten – oder vielmehr für das Bild, das sie von beiden gemalt hatten. Dieser smarte, weltoffene Präsident sollte endlich entschädigen für die bleiernen Jahre unter George W.

Bush. Doch das erhoffte Wunder blieb aus. Schlimmer noch: Die immer neuen Details der Späh-Affäre erschüttern das transatlantische Urvertrauen der Bundesbürger.

Neue Umfragen zeigen Obamas Absturz auf der Beliebtheits-Skala. Auf ihn, meint die übergroße Mehrheit der Deutschen, ist genauso wenig Verlass wie auf sein Land. Ein gnadenloses Urteil. Aber auch eines, das Nährboden sein kann für einen Neustart des deutsch-amerikanischen Verhältnisses. An diesem Neubeginn führt kein Weg vorbei. Deshalb ist es grundfalsch, dass die künftigen Koalitionäre den Eindruck erwecken, alles sei nur ein großes Missverständnis. Ist es nicht, im Gegenteil.

Die Deutschen haben sehr wohl verstanden. Nach wiederkehrenden Irritationen durch Folter-Skandale und Guantána mo, durch fragwürdige Drohnen-Einsätze und ins Maßlose übersteigerten Sicherheitswahn der USA ist ihnen jetzt klar: Wir haben uns getäuscht - und mehr als einmal wurden wir getäuscht. Solche schmerzhaften Erkenntnisse wollen manchmal klar benannt sein, um heilsame Wir kung zu entfalten. Genau darum geht es nun: nicht einfach weiterzumachen in der Tagesordnung, als sei nichts geschehen. Wir müssen die alte Agenda über den Haufen werfen, eine andere Form des Umgangs finden.

Die USA ihrerseits knüpfen schon länger an ihren Beziehungsnetzen. Vor allem mit China, mit Indien, mit den Südamerikanern. Auch deshalb wird es Zeit, dass sich die Deutschen - und ebenso die Europäer - neu in Position bringen. Denn ihre Vorzüge könnten sie gerade vor diesem Hintergrund klug ausspielen: als vertraute Verbündete, verlässliche Partner und faire Wettbewerber. Stimmt, da gibt es Nachholbedarf. Auf beiden Seiten. Während die Deutschen auf internationalem Parkett zuletzt nicht immer berechenbar agierten, hapert es in Washington bei der Fairness. Darüber wird zu reden sein, und zwar selbstbewusst. Auf Augenhöhe .

Die USA und Deutschland aber sind eben nicht nur Partner. Sie sind und bleiben Freunde. Dazu gehört freilich auch, sich ab und an unangenehme Wahrheiten zu sagen - und die Reaktion darauf auszuhalten. Schweigend weglaufen ist jedenfalls keine Alternative für zwei, die sich eigentlich mögen. Und das tun sie, auch wenn die Deutschen ihre jugendliche Schwärmerei der vergangenen Jahre gerade etwas verschämt vergessen machen wollen. Sie sind endlich erwachsen geworden. Nun müssen sie sich nur noch entsprechend benehmen.