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Neuer Labour-Chef Keir Starmer hat guten Start gegen Boris Johnson

Neuer Labour-Chef Keir Starmer : Der „Anti-Boris“ setzt Johnson unter Druck

Schon im ersten Rede-Duell als Labour-Chef galt Sir Keir Starmer den Medien als klarer Sieger gegen Premierminister Boris Johnson. Seitdem seziert der Jurist als Chef-Ankläger des Premiers jeden Mittwoch die Schwachstellen der Regierung mit akribischen Fragen und Detailwissen.

Am Montag ist der 57-Jährige 100 Tage im Amt. Seine Beliebtheitswerte klettern konstant. Mittlerweile würde die Bevölkerung laut Umfragen lieber ihn als Regierungschef sehen als Johnson. Die Marke Labour wieder positiv zu besetzen, scheint schwieriger. Laut einer YouGov-Umfrage stehen derzeit 46 Prozent hinter den Konservativen, während die Sozialdemokraten auf 36 Prozent kommen.

Aber hier ist er endlich, ein glaubhafter Herausforderer der Konservativen, auf den viele gemäßigte Labour-Anhänger seit Jahren gewartet hatten. Oder? Unter den moderaten Sozialdemokraten ist die Hoffnung groß, dass sich Labour nach Jahren der Selbstzerfleischung, der Antisemitismus-Vorwürfe und des Kulturkampfs unter dem sozialistischen Vorgänger Jeremy Corbyn wieder als ernsthafte Alternative zu den Tories präsentieren kann. Der 57-jährige Starmer will die Partei wieder mehr in die politische Mitte rücken. Im Dezember verlor Labour viele der traditionellen Stammwähler – und fuhr eine historische Niederlage ein.

Starmer stammt aus der klassischen Arbeiterschicht – der Vater war Werkzeugmacher, die Mutter Krankenschwester – und wurde benannt nach dem Gründervater von Labour, Keir Hardie. Aufgewachsen in einem Dorf in der südostenglischen Grafschaft Surrey, prägte seine Kindheit vor allem die schwere Krankheit seiner Mutter. Sie litt 50 Jahre lang unter der seltenen Erkrankung Morbus Still, die sie schlussendlich an den Rollstuhl band und dazu führte, dass sie nicht mehr alleine essen konnte. Beschwert aber habe sie sich nie, so Starmer, der als einziger seiner Geschwister das Gymnasium besuchte. Nach seinem Universitätsabschluss in Oxford arbeitete der ehrgeizige Brite für eine damals revolutionäre Kanzlei von Menschenrechtsanwälten in London. 2008 wurde er von der damaligen Labour-Regierung zum Leiter der Generalstaatsanwaltschaft in England und Wales ernannt, der höchste Posten seiner Zunft. Er half unter anderem, Verurteilte in ehemaligen britischen Kolonien vor der Todesstrafe zu bewahren, wofür ihn Königin Elisabeth II. zum Ritter schlug. Seit 2015 sitzt Starmer im Unterhaus und fiel da weder als Blairite auf, als Anhänger des seit dem Irak-Krieg verhassten Ex-Premiers Tony Blair, noch als Corbynite, also Fan der radikalen Linken. Auch wenn der zum gemäßigten linken Flügel gehörende Pro-Europäer als Brexit-Minister im Schattenkabinett den desaströsen Schlingerkurs seines Vorgängers mit zu verantworten hat, blieb das Versagen der Opposition beim Thema EU-Austritt nicht an ihm hängen. Der verheiratete Vater von zwei Kindern habe nie Feinde gehabt, schrieb der Guardian nach seiner Wahl zum Vorsitzenden und fragte: „Kann er sich das bewahren?“

Bislang präsentiert er sich als „Anti-Boris“ und damit als kompletter Gegenentwurf zum jovialen und Sprüche klopfenden Premier. So agiert der Oppositionsführer ruhig, höflich und zugleich erbarmungslos. Doch trotz des guten Starts, der ihm sogar von zahlreichen Konservativen bescheinigt wird, erscheint er vielen Briten als zu langweilig, zu steif, zu farblos. Ihm fehle der Glamour und das Charisma, befürchten einige Labour-Fans, zudem eine klare Richtung, in die er steuert. Starmer äußere lieber Kritik anstatt eigene Visionen und Vorschläge anzubieten. Vielleicht lässt er sich damit aber auch einfach Zeit. Die nämlich hat Keir Starmer. Die nächste Parlamentswahl findet erst im Jahr 2024 statt.