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Von der Ruhe im Auge des Hurrikans In seinem Buch „Mehr Mut!’“ schaut Ex-SPD-Chef Gabriel auf Europa vor dem Hintergrund der geopolitischen Veränderungen – und den Zustand der seiner Partei.

Die Zukunft Europas : Von der Ruhe im Auge des Hurrikans

Auf dem Coverfoto ist er noch richtig dünn. Es entstand nach seiner Magenverkleinerung. Inzwischen aber hat Sigmar Gabriel wieder zugelegt, wie man bei seiner Buchvorstellung am Dienstagabend in Berlin sehen kann.

Das Leben ist mit dem früheren SPD-Vorsitzenden und Vizekanzler in den letzten Jahren Achterbahn gefahren. Jetzt ist er 60, gerade Aufsichtsrat der Deutschen Bank geworden, außerdem gefragter Berater und Zeitungskommentator. Das Geld stimmt, die Geltung auch wieder. Aber nichts, was man nicht ausbauen könnte.

„Mehr Mut!“ lautet der Titel seines fünften Buches seit dem Jahr 2002. Man darf annehmen, dass ihm das Ausrufezeichen wichtig war. Gabriel hat etwas mitzuteilen, „wegen der Zukunft meiner drei Töchter“, wie er sagt. Der Saal ist schon lange vor Veranstaltungsbeginn voll, mittlere bis höhere Semester.

Als es hinterher ans Signieren und Selfies machen geht, bildet sich sofort eine Schlange. Sigmar Gabriel zieht noch immer. Nur einer will ein Foto mit Fernseh-Plauderer Johannes B. Kerner, der den Politiker zuvor eine Stunde lang launig und gut vorbereitet befragt hat. Die beiden sind Duz-Freunde.

Gabriel versucht den ganz großen Blick. Er nimmt Venedig als Beispiel. Einst beherrschte der Stadtstaat das Mittelmeer. Bis Amerika entdeckt wurde, sich alles Richtung Atlantik verschob und die großen Seemächte dominant wurden. „Venedig ist heute ein Museum.“ Das, so Gabriel, drohe auch Europa. Denn erneut hätten sich „die Achsen verschoben“, jetzt zum Pazifik. „Wenn wir nicht aufpassen, ist Europa das neue Venedig“. Noch herrsche hierzulande satte Zufriedenheit, man fühle sich sicher. Aber das sei die Ruhe im Auge des Hurrikans. Deutschland werde, wenn es so weitergehe, „zur Panda-Aufzuchtstation“ der Chinesen werden, zur „verlängerten Werkbank“. Die Zuhörer lauschen gebannt. „Die nächsten zehn Jahre entscheiden darüber, ob dieses Land und dieser Kontinent souverän bleiben.“

Je länger die Veranstaltung dauert, desto länger redet er. Als ein Zuhörer ihn in einen Disput über Hartz IV und die angeblich dadurch erzeugte Armut verwickeln will, ist er sofort rauflustig und liefert sich mit dem Kritiker einen verbalen Schlagabtausch. Bis Kerner das abbricht. Die eigene Partei spielt an diesem Abend nur kurz eine Rolle, auch, weil Kerner nur einmal danach fragt. Dafür finden sich im Buch harte Passagen. Da ist von einer „Selbstverzwergung“ der SPD die Rede, von „limitierten Ambitionen des Politikverständnisses“. Vor allem das letzte Jahr mit dem langen Urwahl-Prozess zur Bestimmung zweier neuer Vorsitzender verreißt er regelrecht. „Eine so weltabgewandte, geschichtslose und selbstbezogene SPD gab es noch nie.“

Eigene Fehler? Darüber redet er nicht bei der Präsentation. Im Buch immerhin gibt es ein Kapitel dazu, das freilich wenig ergiebig ist. „Ungeduld und rasche Wendungen“ räumt er dort eher beiläufig ein. Ambitionen auf Ämter hat er nicht mehr, behauptet er. Er sei am Ende seiner politischen Laufbahn angekommen. „Nicht ganz freiwillig, wie ich zugebe, aber so ist es nun einmal.“ Aber wer weiß, vielleicht geht es ihm ja noch wie Friedrich Merz bei der CDU. Der ist auch wieder da.