Mit Gewalt nach Weimar

Die Zahl der Gewalttaten gegen Asylbewerber hat sich in diesem Jahr vervielfacht. Und immer sind es heimtückische, feige Anschläge, nachts als Brandsatz gegen schlafende Familien in ihren Unterkünften oder in Überzahl gegen einzelne Ausländer.

Die Brutalität nimmt dabei deutlich zu, Tote werden offenbar in Kauf genommen. Vervielfacht hat sich auch die Zahl der Übergriffe auf politisch Verantwortliche und, weil sie dazu gerechnet werden, auf Journalisten. Es gibt keine Scheu mehr vor gewählten Bürgermeistern oder Landräten und auch nicht vor der Aufgabe der freien Presse. Nicht zu reden von den anonymen Giftspritzereien im Netz.

Ist das wirkliche Wut? Oder gar Verzweiflung? Gibt es einen Hauch von nachvollziehbarem Motiv - sofern das bei Gewalt überhaupt möglich ist? Man muss dazu Einiges feststellen: Es ist noch keinem einzigen Deutschen ein Arbeitsplatz durch Flüchtlinge weggenommen worden oder eine Wohnung. Die Kriminalität ist nicht gestiegen - außer die Kriminalität gegen die Ausländer. Die Steuern sind nicht erhöht worden. Und ob jemandem die Freundin ausgespannt wurde, ist eher zu bezweifeln. Und sowieso privat.

Es geht um eine Million Zugänge unter 80 Millionen Bundesbürgern. Umgerechnet also um einen Flüchtling in sieben Fußballmannschaften, vier an einer normalen Grundschule, 100 bis 200 in einer Kreisstadt. Auch diese geringe Relation wird Probleme verursachen, um die sich die Politik dann wirklich kümmern muss. Niemand darf sie verniedlichen. Und es ist gut, dass man damit schon jetzt konzeptionell anfängt, dass über Integration, Ausbildung, Sprache, Sozialen Wohnungsbau nachgedacht wird.

Für die einzelnen Bürger sind die Probleme bisher aber nur abstrakte Befürchtungen. Sie werden manchmal von diffuser Unzufriedenheit über die eigene Lage genährt. Manchmal auch von schlichter hinterwäldlerischer Unkenntnis über Fremde. Aber immer häufiger werden sie auch gezielt geschürt. Das aktuelle Deutschland ist nicht die Weimarer Republik, deren Scheitern in der Hitler-Diktatur endete, noch lange nicht. Aber es gibt welche, die es dahin treiben wollen. Die Gewalt als Mittel zur Macht einsetzen. Erst auf den Straßen, dann überall.

Wer Augen hat, kann sehen, dass die fanatische Rechte diesen Weg mit einer Strategie der gezielten Eskalation und Tabubrüche systematisch zu gehen versucht. Es geht um die kulturelle und politische Hegemonie der Nationalen. Gegen alles, was Nachkriegsdeutschland im Positiven ausmacht. Nicht nur jene, die so reden und handeln, haben Grenzen des Anstands, des Rechtsstaates und der Demokratie überschritten. Sondern auch alle, die mit ihnen klammheimlich sympathisieren.