Mindestens 60 Tote in USA durch VW-Abgasaffäre?

Washington · Die amerikanische Justiz rüstet sich, in großem Stil gegen den deutschen Autobauer Volkswagen Front zu machen: Das Justizministerium in Washington ermittelt im Abgas-Skandal - ebenso wie die Umweltbehörde EPA und die Justizbehörden von mehreren Bundesstaaten.

Hinzu kommen auch absehbare Privatklagen , die schnell auf Milliardensummen anwachsen könnten.

Eine gerade vorgelegte Studie von Wissenschaftlern der renommierten Harvard-Universität und des MIT (Massachusetts Institute of Technology ) könnte sich für den Wolfsburger Konzern als besonders schädlich erweisen. VW sei für mindestens 60 Todesfälle in den USA verantwortlich, die auf die überhöhten Schadstoffe der Diesel-Fahrzeuge zurückzuführen seien, heißt es in der in den "Environmental Research Letters" veröffentlichten Untersuchung. Mit weiteren Toten sei während der Nachrüst-Phase zu rechnen, rund 140 zusätzliche Sterbefälle stehen dabei in der Kalkulation der Forscher. Unklar ist dabei natürlich, wie viele Autobesitzer ihr Fahrzeug tatsächlich in die Werkstatt bringen werden. Von dem Skandal sollen in den Vereinigten Staaten rund 482 000 VW-Fahrzeuge betroffen sein, die von 2008 bis 2015 rund 36 700 Tonnen zusätzliche Stickoxide emittierten. Geschadet habe dies vor allem dem Herz und den Bronchien der Menschen. Bei der Zahl der Toten handelt es sich um eine rein statistische Ziffer, die die Experten anhand von Erfahrungen aus der Umweltmedizin errechnet haben wollen.

Ein kleiner Trost für den Wolfsburger Autobauer dabei: Weil sich die Opferzahl nicht an konkreten Fällen festmachen lässt und eine hundertprozentige Kausalität zwischen dem Skandal und konkreten Erkrankungen nicht nachzuweisen sein wird, drohen zumindest von Seiten der Angehörigen dieser Toten keine gesonderten Schadensersatz-Forderungen. Wie schnell sich diese summieren könnten, hatte die jüngste General-Motors-Affäre gezeigt, bei der der US-Konzern lange Zeit massive Probleme mit den Zündschlössern und Airbags verschwiegen hatte. Mindestens 134 Menschen starben, und das Unternehmen wird für diese Fälle von den Familien zur Kasse gebeten. Hinzu kommt eine Strafzahlung an das Justizministerium in Höhe von 900 Millionen US-Dollar, die von Kritikern als zu milde gerügt wurde. US-Präsident Barack Obama soll sich persönlich dafür eingesetzt haben, dass der von ihm durch einen strukturierten GM-Bankrott mit Steuergeldern "gerettete" Konzern glimpflich davonkommt, heißt es.

Volkswagen muss - auch wenn wegen der Beweisproblematik keine Einzelhaftung für Gesundheitsschäden in den USA zu erzwingen ist - allerdings damit rechnen, dass in den Strafverfahren der einschlägigen Behörden die Zahlen der Studie zur Stimmungsmache gegen den Konzern verwendet werden. Das wiederum könnte die Strafsummen beeinflussen.

Auch aus europäischer Sicht birgt die Arbeit der MIT/Harvard-Wissenschaftler Sprengstoff: Im kommenden Jahr wollen sie Todesschätzungen für Europa vorlegen. Die Zahlen dürften dabei deutlich höher als in den USA liegen, da zum einen innerhalb der Europäischen Union rund 8,5 Millionen Fahrzeuge betroffen sind und eine größere Bevölkerungsdichte als in den Vereinigten Staaten herrscht.

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