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McCain - Staatsmann oder Kulturkämpfer?

McCain - Staatsmann oder Kulturkämpfer?

St. Paul. Die Woche fing nicht gut an für John McCain. Erst drohte Hurrikan Gustav den Parteitag der Republikaner auf eine bürokratische Formalität zu reduzieren. Dann fegte der politische Feuersturm "Sarah" (Palin) durch St. Paul mit delikaten Einzelheiten aus dem Familienleben und dem hastigen Auswahlprozess der Vizepräsidentschafts-Kandidatin

St. Paul. Die Woche fing nicht gut an für John McCain. Erst drohte Hurrikan Gustav den Parteitag der Republikaner auf eine bürokratische Formalität zu reduzieren. Dann fegte der politische Feuersturm "Sarah" (Palin) durch St. Paul mit delikaten Einzelheiten aus dem Familienleben und dem hastigen Auswahlprozess der Vizepräsidentschafts-Kandidatin. Schließlich hing das tropische Tief "George" (Bush) über dem Parteitag.Ob wirkliche oder politische Stürme - McCain wehrt diese instinktiv mit dem gleichen Reflex ab. Clever behält er das Parteitagsmotto "Vaterland zuerst" bei und variiert eine Rolle, die er in seiner politischen Karriere schon so oft gespielt hat: Die des sich selbst aufopfernden Patrioten.Hurrikan Gustav lieferte auch Amtsinhaber Bush eine willkommene Ausrede, nicht persönlich in St. Paul aufzutauchen. Damit ersparte er McCain peinliche Bruderküsse, die seine Nominierungsrede nur konterkariert hätten. Darin versucht der Kandidat den Mythos des reformerischen Querdenkers wieder zu beleben. Er erwähnt Bush nicht ein einziges Mal, tut so, als habe er mit dem unseligen Krieg im Irak und der Krise daheim nichts zu tun. Dabei unterstützte McCain den Präsidenten im Kongress in 90 Prozent der Fälle. Im Gegensatz zu seinem Heroismus in Vietnam passt der Kandidat auf dem Weg zum Weißen Haus seine Positionen flexibel an, wenn es ihm opportun erscheint. Vom Ölbohren vor der Küste bis hin zu den Guantanamo-Prozessen. Schamlos lässt er heute dieselben ehemaligen Lobbyisten seinen Wahlkampf organisieren - 160 an der Zahl - die er einst bekämpfte.Nicht die einzige Dissonanz in St. Paul. Genauso wenig passt das Rahmenprogramm zu den salbungsvollen Worten der Nominierungsnacht. Kaum waren die dunklen Wolken von Hurrikan "Gustav" verzogen, ließ McCain die Kampfhunde von der Kette. Allen voran den "Pitbull mit Lippenstift", wie sich seine Vizepräsidentschafts-Kandidatin Sarah Palin den Delegierten vorstellt. Tatsächlich profiliert sich die unbeleckte Gouverneurin mit ihrer vor Sarkasmus nur so triefenden Rede mehr als "Cheney mit Lippenstift".Der Auftritt begeistert die Basis, unterminiert aber das Erfahrungs-Argument McCains. Gleichzeitig passt die kulturkämpferische Pose Palins nicht zum Umweben der unabhängigen Wähler. Doch McCain hatte keine andere Wahl. Was die Vietkong nicht schafften, bringt die christliche Rechte fertig, die McCain mit Liebesentzug zum Nachgeben zwang. Der Kriegsheld knickte ein und ließ seinen Favoriten für das Amt des Vizepräsidenten, den Unabhängigen Joe Lieberman, fallen. Was vor allem fehlt, ist Substanz in der Sache. McCains Rede mangelt es nicht nur an Dynamik, sondern auch an Details. Tatsächlich haben weder McCain noch die anderen Größen der Republikaner jenseits luftiger Rhetorik sehr viel Konkretes vorgestellt.St. Paul zeigt das Dilemma eines Mannes ohne Partei, der sich entscheiden muss. Will er eine weitere Runde im amerikanischen Kulturkampf ausfechten oder den überparteilichen Staatsmann markieren? Steht er für Erfahrung und Kontinuität oder Wechsel und Neuanfang? Verglichen mit Barack Obamas substantiellem Auftritt in Denver erweist sich der Kult um McCains Kriegsheldentum allemal als große Show. Nachdem der Vorhang in St. Paul fällt, bleiben mehr Fragen offen als vor der Aufführung.