Maulwürfe attackieren Benedikts "Schatten"

Maulwürfe attackieren Benedikts "Schatten"

Rom. Es war im Frühling 2005, zwei Wochen nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst. Bei einem vertraulichen Treffen überreichte Stanislaus Dziwisz, Sekretär des verstorbenen Johannes Paul II., seinem Nachfolger Georg Gänswein einen Umschlag mit vertraulichen Dokumenten und einen Tresorschlüssel

Rom. Es war im Frühling 2005, zwei Wochen nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst. Bei einem vertraulichen Treffen überreichte Stanislaus Dziwisz, Sekretär des verstorbenen Johannes Paul II., seinem Nachfolger Georg Gänswein einen Umschlag mit vertraulichen Dokumenten und einen Tresorschlüssel. Seine Empfehlung dazu: "Das Einzige, was ich dir sagen kann, ist, dass der Papst von nichts und niemand erdrückt werden darf. Wie das geht, musst du selbst herausfinden." Gänswein, der die Geschichte vor Jahren selbst erzählte, nahm den Ratschlag ernst. So ernst, dass er in der ominösen Affäre um veröffentlichte Geheimdokumente im Vatikan nun selbst ins Kreuzfeuer geriet.Über die Jahre hat "Don Giorgio", wie ihn Freunde nennen, viel Macht angesammelt. Für manche ist er ein etwas zu auffälliger Schatten des Papstes. Seine Aufgabe sieht der vom Hochrhein stammende Sekretär darin, für Benedikt XVI. das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Der 55-Jährige filtert alles: Post, Anfragen, Termine. Damit macht man sich naturgemäß mehr Feinde als Freunde. "Mister No" nennt ihn einer, der Gänswein näher kennt.

"Verjagt die wahren Verantwortlichen aus dem Vatikan", zitierte die Zeitung "La Repubblica" am Wochenende aus einem Schreiben anonymer Verschwörer. Mit der Veröffentlichung geheimer Dokumente wollen sie vor allem die Macht des von vielen italienischen Kardinälen angefeindeten Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone brechen. Die Wahrheit sei im Privatarchiv von Monsignore Gänswein zu finden, behaupten die Maulwürfe nun. Von hier fänden "ständig unzählige geheime Dokumente" zu Gunsten Bertones ihren Weg nach außen - der Sekretär erschien als Verteidiger Bertones.

Mit beiden arbeitet der Papst täglich zusammen. "Ich möchte meinen engsten Mitarbeitern erneut das Vertrauen aussprechen und sie ermutigen", sagte Benedikt XVI. vor Tagen. Die neue Entwicklung zeigt das eigentliche Ziel der Verschwörer: Wer Bertone und Gänswein angreift, attackiert auch den Papst. Der Privatsekretär ist dabei Ziel einer regelrechten Erpressung geworden. "La Repubblica" wurden drei Dokumente noch unbekannten Inhalts zugespielt, von denen zwei die Unterschrift Gänsweins tragen. Die Verschwörer drohen mit Veröffentlichung, falls die "Wahrheit" weiter verheimlicht werde. Einer der Briefe stammt vom 19. Februar 2009, als gerade die Affäre um die Lefebvre-Bischöfe und den Holocaust-Leugner Richard Williamson im Gang war.

Immer nah beim Papst: Sekretär Georg Gänswein. Foto: dpa.

Im Vatikan kursiert der Verdacht, die päpstliche Macht könne sich bei Bertone und Gänswein nicht nur konzentriert, sondern teilweise verselbstständigt haben. Dem Sekretär wird zudem vorgeworfen, den Papst nicht vor seinem untreuen Kammerdiener geschützt zu haben. Ein Monsignore aus der Kurie beschuldigt Gänswein gar, er missbrauche sein Amt, um sich selbst zu profilieren. Dem Papst-Biografen Peter Seewald sagte "Don Giorgio" bereits 2007: "Der Vatikan ist nun einmal auch ein Hofstaat. Und dort gibt's Hofgeschwätz. Aber es gibt auch Pfeile, die bewusst und gezielt abgeschossen werden. Ich musste erst lernen, damit umzugehen." Wenn man so will, legt Gänswein nun seine Reifeprüfung ab.