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London-Wahl wird zum Vorentscheid über Brexit

London-Wahl wird zum Vorentscheid über Brexit

In London trifft unentwegt die Welt aufeinander. Die Metropole ist bunt und laut, hektisch und voll, international und vibrierend - alles andere als langweilig. Umso verwunderlicher, dass die beiden Kandidaten für den Bürgermeisterposten für die Londoner genau das sind: langweilig. Am Donnerstag wählen sie einen Nachfolger für den schrillen Amtsinhaber Boris Johnson , der nach Höherem trachtet und sich nicht noch einmal für den Posten im Rathaus aufstellen ließ. Derzeit kämpft der extrovertierte Blondschopf lieber mit allen Mitteln für den Ausstieg der Insel aus der EU. Am 23. Juni dürfen die Briten bei einem Referendum über ihre Mitgliedschaft abstimmen.

Boris Johnson gilt als charismatischer Manager und Botschafter der Marke London . Davon sind sowohl der Konservative Zac Goldsmith als auch der Labour-Politiker Sadiq Khan weit entfernt. Sie kämpfen um den Einzug in die City Hall und obwohl die Stadt genug Herausforderungen bietet, scheinen die beiden die Londoner kaum von ihren Vorschlägen überzeugen zu können - auch weil sie sich inhaltlich zu sehr ähneln. Dabei ächzt die Metropole unter einem chronischen Mangel an Wohnraum, explodierenden Immobilienpreisen und den stetig steigenden Kosten des öffentlichen Nahverkehrs.

Weniger wichtig ist dagegen die Diskussion um Europa. Goldsmith wollte sich zwar offenbar mit seinem EU-skeptischen Bekenntnis in den Windschatten seines Parteikollegen Johnson stellen, das aber hat nicht geklappt. Europafreund Sadiq Khan führt im linken London seit Wochen die Umfragen an.

Ohnehin spielt die Frage um die Mitgliedschaft in der EU nur eine untergeordnete Rolle für die lokale Abstimmung. Beobachter vermuten aber, dass ein Sieg des Konservativen dem Lager der Brexit-Befürworter Rückenwind verleihen könnte. Die EU-Gegner würden das Ergebnis als richtungsweisend für das Referendum interpretieren, so der Politikwissenschafter Tony Travers von der London School of Economics.

Statt in sachlichen Debatten griffen vor allem die Konservativen Khan persönlich an. Und tatsächlich könnten die beiden Männer unterschiedlicher kaum sein. Der Konservative Zac Goldsmith, Milliardärssohn einer jüdischen Aristokratenfamilie, wurde am elitären Eton-College ausgebildet, wo auch Premierminister David Cameron zur Schule ging. Sadiq Khan dagegen hat sich im klassengeprägten Königreich von unten hochgearbeitet. Der Rechtsanwalt für Menschenrechte und Sohn eines Busfahrers stammt aus einer pakistanischen Einwandererfamilie.

Weil Goldsmith bislang kaum aufholen konnte, rückte er die Religion von Sadiq Khan in den Vordergrund. Dieser könnte der erste muslimische Bürgermeister Londons werden, laut des Konservativen habe sich der Labour-Kandidat jedoch nicht deutlich genug von Islamisten abgegrenzt. Die Sozialdemokraten schimpften, die Vorwürfe seien Teil einer islamophoben Schmutzkampagne. Geholfen hat die Strategie Goldsmith nicht, im Gegenteil: Es hagelte vor allem Kritik. Doch Khan weiß, dass nicht aller Tage Abend ist und Labour immer für einen Skandal gut ist, wie etwa vor wenigen Tagen, als der Ex-Bürgermeister Ken Livingstone wegen umstrittener Hitler-Äußerungen von der Partei suspendiert wurde.