Kleine Wunder sind noch drin

Bildungspolitik ist auch Alltagspolitik. Wenn ein Bundesland beschließt, das Sitzenbleiben abzuschaffen, dann redet darüber die Republik - es hat Auswirkungen auf Kinder, Eltern, Lehrer und den schulischen Alltag

Bildungspolitik ist auch Alltagspolitik. Wenn ein Bundesland beschließt, das Sitzenbleiben abzuschaffen, dann redet darüber die Republik - es hat Auswirkungen auf Kinder, Eltern, Lehrer und den schulischen Alltag. Und wenn die Kultusminister die Zeit bis zum Abitur um ein Jahr verkürzen, aber die Lehrpläne nicht anpassen, dann leidet der Nachwuchs massiv unter dem erhöhten Druck, den ihm die Politik auferlegt. Noten, Unterricht, Stundenpläne werden dann noch häufiger zum Thema am Küchentisch der Familien.Auch die neue Ministerin Johanna Wanka bewegt sich auf diesem heiklen Terrain bildungspolitischer Lebenswirklichkeit. Die Frage wird sein, welche Rolle sie für sich definiert. Als Bundesministerin kann Wanka nur wenig an den Großbaustellen im System herumdoktern, selbst wenn sie mehr Zeit hätte als die sieben Monate, die ihr bis zur Bundestagswahl bleiben. Die Schulpolitik fällt in die Zuständigkeit der Länder, das leidige Kooperationsverbot bindet dem Bund zusätzlich die Hände. Und auch bei den Hochschulen ist die Ministerin auf die Länder angewiesen, was Finanzierung und gesetzliche Rahmenplanung angeht. Einzig im Forschungsbereich kann Wanka mit Millionen Euro für Projekte und Programme jonglieren.

Trotzdem kann und muss die "Neue" die schwierige Aufgabe anpacken, sich möglichst hörbar und couragiert in den Bildungsalltag der Menschen einzumischen. Gerade in Zeiten, wenn die Kompetenzen des Bundes wie derzeit eng begrenzt sind, darf Wanka den Ländern nicht länger das gesamte Podium überlassen. Sie muss ihre Rolle auch darin sehen, Fürsprecherin derjenigen zu sein, die unter den provinziellen Verwerfungen der deutschen Bildungslandschaft leiden. Und davon gibt es ziemlich viele.

Zugleich müsste die Ministerin korrigierend wirken. Denn in Schulen und Universitäten geht es nicht mehr nur darum, reine Bildung zu vermitteln. Sie erfüllen heute gesamtgesellschaftliche Aufgaben, von der Integration über die Durchsetzung von Chancengleichheit bis hin zum Auffangen familiärer Probleme. Dass Bildung allein Ländersache ist, passt angesichts dessen nicht mehr in die Zeit.

Mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland, eine verbesserte Lehrerausbildung, die Fortführung der Gespräche über das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern - diese Punkte will Wanka bis zur Wahl anpacken. Das nährt die Hoffnung, dass sie ihre Rolle nicht allein als Sparrings-Partner und Zahlmeister der Länder begreift, sondern tatsächlich mutige Mitgestalterin im föderalen Gestrüpp sein will. Gewiss, bis zum September lässt sich keine große Revolution mehr anzetteln. Vielleicht aber eine kleine. Die ehemalige Landesministerin von Brandenburg und Niedersachsen weiß schließlich sehr genau, wie der Föderalismus in Deutschland tickt. Das könnte Wankas Vorteil sein.