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Kirchen sind immer weniger als Krisendeuter gefragt

Religion in der Corona-Krise : Kirchen sind weniger als Krisendeuter gefragt

„Je früher, desto besser.“ Das ist die Faustformel von Kardinal Rainer Woelki. Gottesdienste müssten jetzt unter Einhaltung von Hygiene-Regeln zum Schutz vor Corona wieder zugelassen werden, fordert der Erzbischof von Köln in einem Tweet.

„Die Sehnsucht der Menschen nach Seelsorge, Orientierung, Gottesdienst ist gerade jetzt groß.“ Tatsächlich dürfte es schon bald so weit sein: Bei einem Treffen am Freitag einigte sich das Bundesinnenministerium mit Vertretern der Kirchen und Religionsgemeinschaften, dass ein Konzept zur Lockerung des Verbots ausgearbeitet werden soll. Sachsen will Gottesdienste unter Auflagen sogar schon von diesem Montag an wieder ermöglichen.

Es besteht Einigkeit darüber, dass die Religionsfreiheit eines der wichtigsten Grundrechte ist und deshalb nicht länger als unbedingt nötig außer Kraft gesetzt werden darf. Jedoch wies das Bundesverfassungsgericht den Eilantrag eines religiösen Vereins auf Abhaltung von Gottesdiensten ab. Die Karlsruher Richter sehen in der Corona-Krise den Schutz von Leib und Leben an oberster Stelle.

Nun haben die Kirchen – außer an Heiligabend – kaum mit dem Problem der Überfüllung zu kämpfen. „Man muss das Ganze ins Verhältnis setzen zu den anderen Lockerungen, und da scheint mir, dass die Möglichkeit der Kontaktvermeidung in den Gottesdiensten besser gegeben ist als etwa in Geschäften“, meint der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster.

Daneben pochen die Kirchen darauf, dass sie gerade jetzt besonders gebraucht würden. Dabei können sie auf die stark gestiegenen Einschaltquoten bei der Übertragung von Gottesdiensten im Fernsehen verweisen. „Im Flugzeug gibt es bei Turbulenzen keine Atheisten“, heißt es oft. Womit gemeint ist: In Krisenzeiten schlägt die Stunde der Kirchen. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa Consulere für die Zeitung Tagespost ergibt ein anderes Bild: Demnach sind nur zwölf Prozent der Bevölkerung dafür, Gottesdienste auch während der Pandemie zu erlauben.

Auch wissenschaftliche Daten bestätigten die Krisen-Theorie nicht, sagt Pollack: „Wir können zwar beobachten, dass in dem Maße, in dem Menschen das Gefühl haben, dass es ihnen gut geht, sie Religion für nicht mehr so wichtig halten. Aber wenn es ihnen dann plötzlich schlechter geht, bleibt ein Rückkehr-Effekt aus. Aber natürlich dürften in der jetzigen Situation viele kirchlich Aktive das Bedürfnis verspüren, wieder in die Kirche zu gehen und die gewohnten Lieder zu singen und Gebete zu sprechen.“

Was die Kirche beunruhigen muss, ist die untergeordnete Rolle, die sie bisher in der öffentlichen Debatte gespielt hat. Es ist eher die Stunde der Wissenschaft, wie der quasi prophetische Status der Virologen zeigt. Auch Wirtschaftswissenschaftler, Bildungsforscher und viele andere hätten sich mit ihrer Kompetenz eingebracht, sagt Pollack. Für die Kirchen gelte das nicht in gleicher Weise, und das müsse nachdenklich machen: „Denn sie verstehen sich ja gerade als eine Art Hintergrund-Institution, die in so einer Situation ins Spiel kommen müsste. Das aber scheint doch eher nur für wenige bedeutsam zu sein.“ Die Krisendeutungskompetenz der Kirchen werde nur begrenzt in Anspruch genommen.

Eine andere Sicht vertritt der italienische Vatikankenner Marco Politi. Anfangs sei die Kirche abgetaucht, danach habe Papst Franziskus seinen Platz auf der Weltbühne aber zurückerobert. „Dieser Papst, der sagt, dass die Epidemie keine Strafe Gottes ist, sondern ein Moment, in dem die Menschen entscheiden sollen: Wie wollen sie ihr Leben und die Gesellschaft gestalten? In diesem Sinne sehe ich eine Dynamik aus der Defensive heraus in eine Phase, in der die Kirche der Welt wieder etwas zu sagen hat.“