Kindergedichte und Völkermord

Den Haag · Psychiater , Dichter, Präsident und mutmaßlicher Kriegsverbrecher - Radovan Karadzic gilt als einer der schillerndsten und zugleich brutalsten Protagonisten der Balkankriege in den 90er Jahren. Gut siebeneinhalb Jahre nach seiner Festnahme in Belgrad urteilt das UN-Tribunal für das frühere Jugoslawien im niederländischen Den Haag am heutigen Donnerstag über den ehemaligen bosnischen Serbenführer.

Dem heute 70-Jährigen werden Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen im großen Stil zur Last gelegt. Für viele Menschen auf dem Balkan steht Karadzic für die grausamsten Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Nationalistischen Serben in Bosnien gilt der international geächtete Vater zweier Kinder hingegen als Held. Sein Name ist vor allem mit der 43 Monate andauernden Belagerung Sarajevos in den Jahren 1992 bis 1995 verbunden. Dabei wurden nach Schätzungen etwa 10 000 Menschen getötet. Zudem wird Karadzic für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht, bei dem im Juli 1995 etwa 8000 Muslime umgebracht wurden. Als Präsident der selbst ernannten bosnischen Serbenrepublik ordnete Karadzic internationalen Beobachtern zufolge eine brutale Kampagne "ethnischer Säuberungen" gegen die muslimische Bevölkerung an, durch die etwa eine Million Menschen vertrieben wurde. Insgesamt wurden im Bosnien-Krieg fast 100 000 Menschen getötet und 20 000 Frauen vergewaltigt.

Mord, Vertreibung, Vergewaltigung - diese Gräueltaten passen auf den ersten Blick nicht zu dem gelernten Psychiater , der in seiner Freizeit Kindergedichte und serbische Volksmusik schrieb. Doch Gewalt und Unterdrückung ziehen sich durch die Familiengeschichte des im Juni 1945 Geborenen. Karadzics Vater kämpfte auf Seiten der Tschetniks, der serbischen Ultranationalisten.

1990 wagte Karadzic, ein respektierter Psychiater , mit der Gründung der bosnisch-serbischen Nationalistenpartei SDS den Sprung in die Politik. Angetrieben wurde er dabei von dem Vorhaben, einen serbischen Staat zu gründen. Das Referendum für die Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas im März 1992 gab Karadzic den Anlass für seine militärische Kampagne gegen alle Nicht-Serben. Obwohl er zunächst von der jugoslawischen Armee unterstützt wurde, folgte im Jahr 1994 der Bruch mit seinem Mentor, dem damaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic, der den internationalen Friedensplan von Dayton unterschrieb.

Seine Anklage vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag 1995 stellte Karadzic endgültig ins Abseits. 1996 gab er die Präsidentschaft der bosnischen Serbenrepublik ab. Monate später tauchte er unter. Mit Unterstützung vieler Anhänger konnte er sich jahrelang verstecken, seine Helfer wurden mit der Zeit aber weniger. Aber erst im Juli 2008 wurde Karadzic von seinen Verfolgern in der serbischen Hauptstadt gefasst, gut ein Jahr später wurde in Den Haag der Prozess gegen ihn eröffnet. Die Anklage fordert lebenslange Haft, Karadzic bezeichnet sich als unschuldig. Noch gestern gab er sich zuversichtlich, "freigesprochen" zu werden. Sollte Karadzic verurteilt werden, dürfte es sowohl Jubel als auch Proteste geben.

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