Kinder vor Ehe

Die Botschaft, die gestern vom Bundesgerichtshof kam, ist im Grunde keine Überraschung: Geschiedene sollen schneller als bisher bestrebt sein, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen. Müssen dafür die Kinder in Horten und Ganztagsschulen betreut werden, ist das nicht Ausdruck von Vernachlässigung, sondern Normalität

Die Botschaft, die gestern vom Bundesgerichtshof kam, ist im Grunde keine Überraschung: Geschiedene sollen schneller als bisher bestrebt sein, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen. Müssen dafür die Kinder in Horten und Ganztagsschulen betreut werden, ist das nicht Ausdruck von Vernachlässigung, sondern Normalität. Kindererziehung und Vollzeitjob, das ist zumutbar - wenn die Voraussetzungen stimmen. Der BGH hat nicht selbstherrlich Richterrecht geschaffen, als er vor allem die Unterhaltsansprüche geschiedener Mütter begrenzte. Er hat nachvollzogen, was die große Koalition mit dem neuen Unterhaltsrecht wollte. Dass das Urteil manchen irritiert, liegt wohl daran, dass die Gesetzes-Änderungen noch nicht in den Köpfen angekommen sind. Tatsächlich bedeuten sie einen Bruch, der mit der Eherechtsänderung der 70er Jahre zu vergleichen ist. Damals wurde Schluss gemacht damit, bei Scheidungen nach dem "Schuldigen" zu suchen und diesen ins finanzielle Nichts zu stoßen. Unterhaltsansprüche und ein komplizierter Versorgungsausgleich banden Geschiedene lange aneinander. Ein Ziel der jüngsten Reformen - auch des neuen Versorgungsausgleichs - ist die schnelle Abwicklung der Ehe. In der Praxis bedeutet das, dass sie dem Partner mit geringeren beruflichen Perspektiven nicht mehr über die Scheidung hinaus den sozialen Status sichert. Unstreitig nimmt damit die Bedeutung der alten Institution Ehe ab. Man kann das nostalgisch beklagen. Es greift aber die gesellschaftliche Realität auf - mit Millionen Alleinerziehender, Patchwork-Familien und Kindern, die bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen. Dies erfordert andere Prioritäten als die Absicherung der Hausfrauenehe. Vor allem geht es darum, in diesen verwirrenden, oft spannenden Verhältnissen die Kinder zu schützen, ihnen Bindung und Förderung zu sichern. Deshalb wurden ihre Ansprüche im Unterhaltsrecht obenan gestellt; deswegen orientiert sich die Dauer der Unterhaltszahlung an ihrem Betreuungsbedarf - egal, ob die Eltern verheiratet waren oder nicht. In diesem Sinne ist der BGH-Spruch im Fall der geschiedenen Mutter konsequent. Wem, wenn nicht einer Lehrerin, deren Kernarbeitszeit mit der Schulzeit ihres Kindes zusammenfällt, ist eine volle Erwerbstätigkeit zuzumuten? In anderen Fällen, so der BGH, dürfen untere Gerichte zu anderen Einschätzungen kommen, was "billig" ist. Sie sollten von dieser Möglichkeit Gebrauch machen und da, wo nötig, längeren Betreuungsunterhalt gewähren. Es gibt zwar viele Eltern, die kaum Zeit für ihre Kinder haben. Das sollte aber nicht das Leitbild sein.