Keine Entwarnung für Athen

Hellas hat Sinn fürs Timing: Rechtzeitig zum heutigen Besuch der deutschen „Spar-Kanzlerin“ in Athen ist Griechenland der erste Schritt zur Unabhängigkeit von seinen internationalen Geldgebern geglückt. Der hoch verschuldete Staat verkauft erstmals seit der Beinahe-Pleite vor vier Jahren wieder eine Anleihe am Kapitalmarkt.

Sie spült mit drei Milliarden Euro mehr in die Staatskasse als angepeilt. Für das frische Geld musste Athen nur 4,75 Prozent Zinsen anbieten. Ein Vertrauensbeweis? Zur Erinnerung: Derzeit wird Griechenland mit zwei internationalen Kreditpaketen in Höhe von insgesamt 240 Milliarden Euro vor der Pleite bewahrt. Und Ende des Jahres läuft das zweite Rettungspaket der EU aus. Inwieweit sich Athen dann wieder über den Markt mit Geld versorgen kann, hängt davon ab, ob es wirklich aufwärts geht.

Dabei zeigen Spar- und Reformauflagen von EU und IWF unbestritten Wirkung: Erstmals seit sechs Jahren soll Hellas 2014 aus der Rezession kommen - wenn auch nur mit einem Mini-Wachstum von 0,6 Prozent. Athen hat 2013 zudem ein kleines Haushaltsplus erwirtschaftet - die hohen Zinszahlungen natürlich ausgeklammert.

Also Ende gut alles gut im griechischen Drama? Mitnichten. Nahe der Zentralbank in der Innenstadt explodierte gestern eine Bombe - wahrscheinlich ein Anschlag von linken Anarchisten. Die Lage bleibt fragil. Jeder vierte Grieche hat weiter keine Arbeit. Die Staatsverschuldung verharrt mit 330 Milliarden Euro auf der Rekordhöhe von mehr als 175 Prozent der Wirtschaftsleistung. Und das, obwohl die privaten Gläubiger 2012 bereits auf Forderungen von 100 Milliarden Euro verzichteten.

Der konservative Regierungschef Antonias Samaras steht unter dem Druck der Straße, die Menschen haben die sozialen Einschnitte satt. Umfragen zufolge könnte die linksradikale Syriza bei den Europawahlen stärkste Kraft werden. Die von den Euro-Partnern verlangte Fortsetzung der Reformpolitik stünde damit vor dem Aus.

Die Krise ist also noch lange nicht überwunden - und kann schnell mit voller Wucht zurückkehren. Alles andere ist Augenwischerei. Mit einem Mini-Wachstum wird Athen seinen gigantischen Schuldenberg nicht abtragen. Und wo der große Aufschwung herkommen soll, weiß keiner. Von Tourismus und Olivenöl alleine sicher nicht.

Die Frage nach weiteren Erleichterungen - wie niedrigere Zinsen und längere Laufzeiten für erhaltene Hilfs-Kredite - könnte sich bald wieder stellen. Einen zweiten direkten Schuldenerlass dürften die Euro-Partner mit Händen und Füßen abwehren wollen. Denn ein Großteil der griechischen Schulden liegt mittlerweile bei der öffentlichen Hand: sprich die Steuerzahler in Deutschland, Frankreich und Co. müssten bluten.