Kein Raum für Irrtümer

In den USA hat sich seit dem 11. September eine unheimliche Routine entwickelt. Wenige Tagen vor Wahlen gelangen dort in schöner Regelmäßigkeit Terrordrohungen an die Öffentlichkeit. Leider führte die Politisierung des Anti-Terrorkampfs in der Vergangenheit zu erheblichen Misstrauen

In den USA hat sich seit dem 11. September eine unheimliche Routine entwickelt. Wenige Tagen vor Wahlen gelangen dort in schöner Regelmäßigkeit Terrordrohungen an die Öffentlichkeit. Leider führte die Politisierung des Anti-Terrorkampfs in der Vergangenheit zu erheblichen Misstrauen. Und einem zynischen Verdacht: Könnte es sein, dass die Regierung versucht, mit der Verbreitung von Furcht vor möglichen Anschlägen, den Ausgang von Wahlen zu beeinflussen? Diese Frage stellt sich diesmal eindeutig nicht. Die Informationen, die zur Aufdeckung des Paketbomben-Plots führten, stammen aus Saudi-Arabien und Großbritannien. Und sie haben einen Absender, der eine eindeutige Spur in den Jemen legt.Dort im Süden der arabischen Halbinsel zieht der in den USA geborene Al-Qaida-Führer Al-Awlaki die Fäden. Ein charismatischer Fundamentalist, der so etwas wie der neue Star im Teufelsnetz Osama bin-Ladens ist. Er versteht ganz genau die symbolische Bedeutung, die ein gelungener Anschlag vor den US-Zwischenwahlen hätte. Es ist auch kein Zufall, dass die Bomben an jüdische Gotteshäuser in der Heimatstadt von Präsident Obama gerichtet waren. Symbolisiert beides doch, was die Terroristen am meisten hassen.Der Präsident bewies genügend Fingerspitzengefühl, die schwierige Situation unaufgeregt, aber mit dem nötigen Ernst zu handhaben. Jenseits der politischen Auswirkungen hebt der Vorfall ein weiteres Mal eine klaffende Lücke in der Flugsicherheit hervor. Statt gebrechlichen Damen und Herren bei Kontrollen die Schuhe ausziehen zu lassen, sollte Washington endlich Maßnahmen ergreifen, die wirklich Sinn machen. Die Gepäckkontrolle muss dabei ganz oben stehen. Es bleibt ein unverzeihliches Versäumnis der Verantwortlichen, dass neun Jahre nach dem 11. September Postgut noch immer unzureichend kontrolliert im Bauch von Passagiermaschinen mitreist. Statt die Partner in Europa mit ständig neuen Forderungen zur Verbesserung der Flughafensicherheit kirre zu machen, sollte Washington also zunächst einmal die eigenen Hausaufgaben im Anti-Terror-Kampf erledigen. Nicht jedes Mal müssen Anschläge so glimpflich ausgehen wie beim Unterhosen-Bomber vor knapp einem Jahr, beim versuchten Inferno auf dem New Yorker Times Square oder jetzt bei der Luftfracht. Zumal es sich bei dem mutmaßlichen Bombenbauer um einen Terror-Profi handelt. So gesehen sollte dieser gescheiterte Versuch als Weckruf verstanden werden, die Kontrolle der Luftfracht endlich der Bedrohungslage anzupassen. Für Irrtum und Nachlässigkeit gibt es leider keinen Raum.

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