Kein Masterplan für New York?

Wer den New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio treffen will, der braucht es nicht zuerst im Rathaus zu versuchen. Die Chancen stehen besser in einem kleinen Café an der Ecke neunte Straße und sechste Avenue in Brooklyn.

Früher, bevor er Ende 2013 zum Bürgermeister gewählt wurde, wohnte de Blasio hier um die Ecke mit seiner Familie in seinem unscheinbaren kleinen weißen Holzhäuschen. Heute lebt der 54-Jährige im repräsentativen Amtssitz der Stadtoberhäupter an der noblen Upper East Side - aber fast jeden Morgen lässt er sich in seine alte Heimat fahren, um sein Lieblingscafé zu besuchen.

Sympathisch finden das die einen, provinziell die anderen. Fehlende Masterpläne und dafür einen übermäßig detailorientierten Führungsstil mit zu viel Fokus auf sein geliebtes Heimatviertel Brooklyn werfen ihm viele Kritiker vor - einer der Gründe, warum de Blasios Umfragewerte zur Halbzeit seiner vierjährigen Amtszeit auf unter 40 Prozent gerutscht sind. Wachsen die Wurzeln eines Baumes in Park Slope stolpergefährlich durch den Bürgersteig, informiert der fast zwei Meter große de Blasio selbst das zuständige Grünflächenamt. Fährt ein Lastwagen vor ihm über eine rote Ampel, sorgt der Bürgermeister höchstselbst für den Strafzettel . Und wenn es im Winter schneit, sind die Straßen in Park Slope als Erstes geräumt.

Groß angekündigte Wahlversprechen des häufig als populistisch kritisierten Demokraten sind dagegen verpufft. So hatte er die steigenden Obdachlosenzahlen als "nicht akzeptabel" bezeichnet und eine Reduzierung versprochen. Zwei Jahre später schlafen fast 60 000 Menschen nach Angaben von Hilfsorganisationen jede Nacht in einer Obdachlosenunterkunft - so viele wie seit Jahrzehnten nicht. Auch gegen den Mangel an bezahlbaren Wohnungen in der Millionenmetropole hat de Blasio bislang nichts ausrichten können. Die Kriminalitätsrate ist gestiegen. Und auch die kritisch beäugte Ankündigung, die Pferdekutschen im Central Park abschaffen zu wollen, ist so gut wie vom Tisch. Bei all dem kommt de Blasio häufig unbeholfen rüber - und seine ständige Unpünktlichkeit ist in New York schon legendär.

Zudem hat sich de Blasio neue Feinde gemacht. Mit New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo zankte er sich öffentlich um Geld und der in Manhattan lebende republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump bezeichnete ihn gar als "schlechtesten Bürgermeister der Vereinigten Staaten". Auch mit seiner eigenen Polizei legte der mit einer Afro-Amerikanerin verheiratete de Blasio sich an, als er Ende 2014 Demonstrationen gegen Polizeigewalt gegen Schwarze unterstützte. Als kurz darauf zwei Polizisten erschossen wurden, wetterte Polizeigewerkschaftschef Patrick Lynch, de Blasio habe nun "Blut an seinen Händen".

De Blasio weist alle Kritik stur zurück. Manche Leute legten sich alles zurecht, wie sie es wollten, sagte er jüngst der "Vanity Fair". "Dass ich den Haushalt gut im Griff habe, mit den Gewerkschaften gut auskomme und die U-Bahnen pünktlich kommen, passt ihnen dann nicht in ihre Kritik."

Eine Wiederwahl scheint angesichts der miesen Umfragewerte derzeit trotzdem fraglich. Aber: De Blasios Vorgänger Michael Bloomberg und Rudy Giuliani hatten zum gleichen Zeitpunkt ihrer jeweiligen Amtszeiten ähnlich miese Umfragewerte - und beide wurden wiedergewählt.