1. Nachrichten
  2. Meinung
  3. Standpunkt

Karriere-Frau mit messerscharfem Verstand

Karriere-Frau mit messerscharfem Verstand

Ihren geliebten Garten im kalifornischen Berkeley kann die Volkswirtin mit dem weißen Kurzhaarschnitt künftig wohl noch seltener genießen. Schon als Vize-Vorsitzende der weltweit mächtigsten Notenbank, der Federal Reserve (Fed), hatte Janet Yellen kaum Zeit für ihr Hobby.

Jetzt wurde sie von Präsident Barack Obama für die Nachfolge des scheidenden Fed-Chefs Ben Bernanke nominiert, und wenn der Senat zustimmt, wird sie sich rund um die Uhr anderem Wachstum widmen müssen: dem der US-Wirtschaft.

Im Unterschied zur Europäischen Zentralbank hat die Fed eine Doppel-Aufgabe. Sie muss mit ihrer Geldpolitik die Inflation unter Kontrolle halten und zugleich den Boden für neue Jobs bereiten. Yellen hatte während der großen Rezession nach der Lehman-Pleite energisch darauf gedrängt, die Erholung am Arbeitsmarkt zum Dreh- und Angelpunkt der Notenbank-Politik zu machen. Damit etablierte sich die "kleine Dame mit dem großen IQ" als entschlossene Verfechterin von Bernankes unkonventioneller Geldpolitik. Nachdem der Fed-Chef die Zinsen bereits ganz nach unten geschraubt hatte, flutete er den Markt mit billigem Geld. Das verhinderte eine Kreditklemme, löste aber Inflationsängste aus. Zu den wichtigsten Aufgaben seiner designierten Nachfolgerin gehört es deshalb, den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes zu erwischen.

Kritiker des Bernanke-Kurses aus den Reihen der Republikaner stellen sich gegen Yellens Bestätigung im Senat. Zudem dürften die Konservativen schon wegen des derzeit aufgeheizten politischen Klimas schweres Geschütz auffahren, um zu verhindern, dass mit Yellen nach 30 Jahren wieder eine Demokratin die US-Notenbank führt.

Für die 67-Jährige spricht ihre glänzende akademische Laufbahn an den Elite-Universitäten Harvard, Yale und Berkeley ebenso wie ihre Fähigkeit zur messerscharfen Analyse. Yellen hatte als eine der ersten vor den Gefahren der Immobilienblase gewarnt und zielsicher die schleppende Erholung nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte 2008 vorausgesagt. Dabei stützt sie sich weniger auf Glaubenssätze denn auf harte Tatsachen. "Sie argumentiert mit Fakten und steht dazu", sagt der Princeton-Ökonom Alan S. Blinder über den unaufgeregten Stil der Kandidatin.

Bis vor kurzem hatte sich Yellen keine Chancen auf den Chefposten der Fed ausgerechnet: Wie viele andere sah sie Obamas ehemaligen Wirtschaftsberater Larry Summers als dessen Wunschkandidaten. Wegen starker Gegenwehr aus dem Kongress zog Summers seine Kandidatur im September zurück. Zweite Wahl ist Yellen damit aber nicht. Nie zuvor in der Geschichte der Notenbank brachte ein Kandidat so viel Insider-Erfahrung mit: Bereits 1977 hatte Yellen als junge Volkswirtin bei der Fed gejobbt. In der Cafeteria lernte sie ihren späteren Ehemann George Akerlof kennen, der 2001 den Nobelpreis für Ökonomie erhielt. Nun konzentriert sich das öffentliche Interesse auf Janet, die zur mächtigsten Frau der Weltwirtschaft werden soll.