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Julián Castro könnte als erster Latino Präsident der USA werden

US-Präsidentschaft : Zieht bald der erste Latino ins Weiße Haus ein?

Neu auf der politischen Bühne ist Julián Castro nicht – auch wenn er mit seinen jungenhaften Gesichtszügen an ein aufstrebendes Nachwuchstalent denken lässt. Ein aufstrebendes Talent war der heute 44-Jährige bereits, als er 2012 auf dem Parteitag der Demokraten eine Grundsatzrede halten durfte, mit der er Barack Obama zur Wiederwahl empfahl.

Schon damals wurde er als großer Hoffnungsträger gehandelt, als einer, der Obama womöglich sogar direkt im Amt beerben würde. Daraus wurde nichts, weil mit Hillary Clinton eine vermeintlich glasklare Favoritin an den Start des Rennens ums Weiße Haus ging und Castro entschied, sich einstweilen zurückzuhalten. Nun aber will er es wissen.

„Ich bin Kandidat für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika“, sagte er in seiner Heimatstadt San Antonio, wo er seine Bewerbung bekanntgab. Dass er diese Worte einmal sprechen würde, hätte sich seine Großmutter Victoria niemals vorstellen können, als sie vor fast 100 Jahren ins Land kam, sagte Castro. Aus Mexiko stammend, brach sie die Schule nach vier Klassen ab, um fortan für reiche Leute zu kochen. Victorias Tochter Rosie schloss sich La Raza Unida an, die sich für die Bürgerrechte der US-Bürger mexikanischer Abstammung einsetzt. Rosies Sohn Julián studierte Politikwissenschaften in Stanford und Jura in Harvard. Mit 26 wurde er in die Gemeindeverwaltung San Antonios gewählt, mit 34 zum Bürgermeister der Stadt, der siebtgrößten des Landes. Mit 39 zog er als jüngster Minister ins Kabinett Obamas ein, zuständig für Wohnungsbau und Stadtentwicklung. Auch sein Zwillingsbruder Joaquín machte Karriere: Er sitzt heute im US-Repräsentantenhaus.

In den Augen seiner Anhänger gäbe es keine bessere Antwort auf den Präsidenten Donald Trump als einen Präsidenten Julián Castro. Den ersten Hispanic im Oval Office. Auf den Nationalisten, der selbst die Lähmung des Regierungsapparats in Kauf nimmt, um eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu erzwingen, würde der Enkel einer Migrantin aus Mexiko folgen. Was für eine Geschichte!

In seiner ersten Amtshandlung, erklärt der Demokrat, würde er Trumps Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen rückgängig machen. Zudem will er den Mindestlohn anheben und Medicare, die steuerfinanzierte Krankenversicherung für Senioren, auf das gesamte Gesundheitssystem ausweiten. Und er plant landesweit subventionierte Krippenplätze.

Gleichwohl hebt sich Castro allein mit seinem Programm kaum ab von einem Feld potenzieller demokratischer Präsidentschaftsanwärter, das ziemlich breit werden. Mit Elizabeth Warren, einer Senatorin vom linken Flügel, hat eine profilierte Politikerin bereits ihren Hut in den Ring geworfen. Auch Tulsi Gabbard, eine Kongressabgeordnete aus Hawaii, hat ihre Ambitionen schon angemeldet. Und mit den Senatsmitgliedern Kamala Harris und Cory Booker dürften demnächst zwei weitere aussichtsreiche Kandidaten folgen. Unter den Älteren sind es Joe Biden, Vizepräsident unter Obama, und Bernie Sanders, 2016 der härteste innerparteiliche Rivale Hillary Clintons, die mit dem Gedanken an eine Kandidatur spielen. Und falls Beto O’Rourke einsteigt, ein charismatischer Redner aus El Paso, wären es mit ihm und Castro schon zwei Texaner, die sich Chancen ausrechnen.

Mit seiner Familiengeschichte hofft Julián Castro vor allem bei den Latinos zu punkten, der am schnellsten wachsenden Wählergruppe der USA. Von den Frauen, in deren Obhut er aufwuchs, habe er eines gelernt, erzählte er schon im Sommer 2012: Das mit dem amerikanischen Traum sei kein Sprint und auch kein Marathon, sondern ein Staffellauf – über Generationen hinweg.