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Intimer Einblick in die Struktur der Terror-Planung

Intimer Einblick in die Struktur der Terror-Planung

Düsseldorf. Zwei Monate ist es nun her, dass die mutmaßlichen Terroristen der Sauerland-Gruppe überraschend ihr Schweigen brachen und hinter verschlossenen Türen Geständnisse ablegten. Heute wird der Prozess gegen die Islamisten vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf fortgesetzt. Vier Aktenordner spielen dabei eine entscheidende Rolle

Düsseldorf. Zwei Monate ist es nun her, dass die mutmaßlichen Terroristen der Sauerland-Gruppe überraschend ihr Schweigen brachen und hinter verschlossenen Türen Geständnisse ablegten. Heute wird der Prozess gegen die Islamisten vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf fortgesetzt. Vier Aktenordner spielen dabei eine entscheidende Rolle. Auf 1400 Seiten sind darin die Aussagen der vier Angeklagten protokolliert. Und nach allem, was bisher nach draußen drang, bestätigten sich die Erkenntnisse der Ankläger: Die Drahtzieher des brutalen Anschlagsplans saßen in Pakistan, und sie waren schlagkräftig organisiert.Auszüge der Aussagen wurden erstmals vor dem Oberlandesgericht Frankfurt in einem Prozess gegen zwei mutmaßliche Helfer der Sauerland-Gruppe bekannt. "Bis ins Detail", so legte der Staatsschutz-Senat dar, hätten die Düsseldorfer Angeklagten um den mutmaßlichen Rädelsführer Fritz Gelowicz geschildert, wie die Ausbildung in den Terrorcamps der Islamischen Dschihad Union (IJU) im pakistanisch-afghanischen Grenzland ablief. Eine Ausbildung, die wohl auch auf den Fronteinsatz angelegt war. Dazu zählte die Schulung im Umgang mit leichten Waffen, aber auch mit Maschinengewehren, Lafetten und Panzerfäusten.In kleinen, mobilen Camps in der Provinz Nord-Waziristan lernten die angehenden Dschihadisten allerdings auch, wie man aus Wasserstoffperoxid und Mehl Sprengstoff kocht. Es war exakt jene Methode, mit der die Angeklagten Gelowicz, Adem Yilmaz und der Neunkircher Daniel Schneider nach Überzeugung der Anklage Autobomben bauen wollten, um unter US-Amerikanern in Deutschland ein Massaker anzurichten. Gelegentlich lancierte Zweifel, ob die IJU überhaupt existiere, dürfen damit zerstreut sein. Die Gruppe, die sich 2002 nach Abspaltung von der Islamischen Bewegung Usbekistans gegründet hatte, soll maximal 200 Mann stark sein. Zwar verschrieb sich die ehemals auf Usbekistan ausgerichtete IJU dem weltweiten "Heiligen Krieg", auch gibt es persönliche Kontakte zu Taliban und Al Qaida. Dennoch präsentiert sich die Dschihad Union als eigenständige und durchorganisierte Truppe, inklusive Pressereferent und Ausbildungsleiter. Gelowicz soll im regen Austausch mit IJU-Chef Nashmiddin Jalolov und dessen Stellvertreter Suhail Buranov gestanden haben. Diese hatten dem Vernehmen nach gar nicht zwingend Deutschland im Visier. Ihre Terror-Absichten waren allgemein auf Europa gerichtet, möglichst gegen amerikanische Einrichtungen. Wo und wie das geschehen sollte, war Sache der Sauerland-Gruppe. Als die Drahtzieher in Waziristan die Angeklagten kurz vor deren Festnahme im September 2007 zur Tat drängten, scheinen diese noch kein konkretes Ziel im Auge gehabt zu haben. Auch bei der Beschaffung der Sprengzünder dürfte die IJU von Waziristan aus hilfreich gewesen sein. Deutscher Kontaktmann soll der Düsseldorfer Mitangeklagte Atilla Selek gewesen sein. Mit ihren detaillierten Geständnissen, die nun nach und nach in den Düsseldorfer Prozess eingeführt werden, haben sich die Angeklagten einen Strafrabatt gesichert. Auch wenn sie im Wesentlichen Bekanntes bestätigten - die Justiz wird die intimen Einblicke in die Strukturen der Terror-Gruppe auch in künftigen Prozessen nutzen können. Den heutigen Auftakt im Geständnis-Reigen hat das Gericht für den mutmaßlichen Rädelsführer Gelowicz reserviert.