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In Algerien stellt sich ein Phantom zur Wahl

In Algerien stellt sich ein Phantom zur Wahl

Allerorten lächelt er in der algerischen Hauptstadt von den Wahlplakaten, mit der rechten Hand auf dem Herzen. Doch leibhaftig gesehen haben ihn die mehr als drei Millionen Einwohner Algiers schon lange nicht mehr.

Der schwerkranke und gebrechliche 77-jährige Abdelaziz Bouteflika, seit 15 Jahren Staatspräsident des nordafrikanischen Landes, gilt als Phantom. Manchmal zweifeln die Algerier sogar daran, dass der Kandidat überhaupt noch lebt.

Bouteflika trat im Wahlkampf kein einziges Mal auf. Stattdessen sprang seine "rechte Hand" Abdelmalek Sellal auf die Bühnen und versprach einen "starken und demokratischen Staat". Trotzdem sieht alles danach aus, dass Bouteflika, der 1999 vom Militär ins Amt gehievt wurde, nach der morgigen Präsidentenwahl erneut zum Sieger erklärt wird. Zum vierten Mal und von Betrugsvorwürfen begleitet. Manipulation sei "eine unheilbare Krankheit" im Staat, schreibt Algeriens kritische Zeitung "Al Watan". Fast könne man sagen, dass "die Betrugspartei die größte des Landes" sei. Weite Teile der Opposition, darunter Islamisten, die junge Protestfront Barakat ("Es reicht") und Berber-Parteien, riefen zum Boykott der "Wahlfarce" auf. Auch Bouteflikas bekanntester Herausforderer, Ex-Regierungschef Ali Benflis (69), macht sich nicht viel Hoffnung auf einen Machtwechsel. Der Wahlbetrug, sagt er, sei sein größter Feind.

Der arabische Frühling, der 2011 vom benachbarten Tunesien auf Algeriens frustrierte junge Generation übersprang, wurde niedergeknüppelt. Es gab Massenverhaftungen, doch der Protest dauerte an. Also griff das Regime Bouteflika, in dem die Spitzen von Militär und Geheimdienst die Fäden ziehen sollen, in die prall gefüllte Staatskasse und versuchte, die Demonstranten mit Wohltaten ruhigzustellen. Mindestlöhne wurden angehoben, Lebensmittel bezuschusst, Reformen versprochen, das Ausnahmerecht aufgehoben.

Mangel an Einnahmen hat Bouteflikas undurchsichtiger Macht- Clan nicht: Algerien besitzt die größten Erdgasreserven Afrikas und ist drittgrößter Gaslieferant der Europäischen Union. Weil die EU ihre Rohstoffabhängigkeit von Russland verringern will , putzen europäische Diplomaten in Algier Klinken - und schauen über Pseudo-Wahlen großzügig hinweg. EU-Kommissionschef José Manuel Barroso behauptete gar, Algerien sei ein "Schlüssel-Partner für Europa". Auch deshalb, weil der Mittelmeerstaat noch als Bollwerk gegen den erstarkenden Islamismus gilt .

Dass hinter der Fassade ein eisernes Regime agiert, das Bürgerrechte mit Füßen tritt, stellt Amnesty International klar: "In vorderster Front der Sorgen stehen Maßnahmen, um Kritiker zum Schweigen zu bringen und soziale Unruhen zu unterdrücken." Die Proteste wiederum würden durch Korruption, steigende Lebenshaltungskosten, hohe Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot angeheizt, berichtet die Bürgerrechts-Organisation.

Algeriens junge Generation, die rund zwei Drittel der Bevölkerung ausmacht, träumt nicht von Bouteflika, sondern von einem Leben in Europa. Oder sucht ihr Heil im Islamismus. Vor mehr als zwei Jahrzehnten hatte die Islamische Heilsfront die bisher einzigen halbwegs freien Wahlen gewonnen. Daraufhin griff Algeriens Militär ein und provozierte einen jahrelangen Bürgerkrieg, der mehr als 200 000 Menschen das Leben kostete.