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Hillary Clinton punktet als „altbewährte Marke“

Hillary Clinton punktet als „altbewährte Marke“

Nach ihrem haushohen Sieg bei der Vorwahl in South Carolina fasst Hillary Clinton bereits das herbstliche Finale im Kampf ums Weiße Haus ins Auge. Offenbar geht sie davon aus, dass der Republikaner Donald Trump ihr Gegner bei der Präsidentenwahl im November sein wird.

Denn die frühere First Lady, Senatorin und Außenministerin zeichnet schon jetzt ein Bild mit scharfen Kontrasten: hier die Versöhnerin Clinton, dort der Spalter Trump. "Wir müssen Amerika nicht wieder groß machen", sagte sie am Samstagabend nach ihrem Triumph in Columbia, der Hauptstadt South Carolinas, in Anspielung auf das Motto des Populisten Trump. "Es hat nie aufgehört, großartig zu sein. Wir müssen Amerika wieder zusammenführen."

Ihren innerparteilichen Konkurrenten Bernie Sanders hat die 68-Jährige in der vierten Runde des Vorwahl-Marathons eindeutig in die Schranken verwiesen. Sie holte 74 Prozent der Stimmen, während der Favorit der Linken nur auf 26 Prozent kam. Dass Clinton in South Carolina gewinnen würde, hatte man erwartet. Dass sie aber so eindeutig vorne liegt, ist nun doch eine kleine Überraschung. Und ein Indiz dafür, was morgen am Mega-Wahltag - dem "Super Tuesday" - passieren kann.

Nach Iowa, New Hampshire und Nevada sollte der Wettstreit in South Carolina erstmals Aufschluss darüber geben, wem die Afroamerikaner den Vorzug geben. Denn dort bilden schwarze Wähler in Reihen der Demokraten eine knappe Mehrheit von 55 Prozent. Die Detail-Analyse zeigt nun, dass Clinton in dem südöstlichen Bundesstaat mehr als vier Fünftel der afroamerikanischen Stimmen gewann. Sogar bei den jungen Schwarzen lag sie vorn, wenn auch deutlich knapper. Bei den über 65-Jährigen siegte sie erdrutschartig mit 96 Prozent.

Sanders scheiterte nicht zuletzt daran, dass die meisten Afroamerikaner des Südens ihn, den Senator aus dem Neuengland-Idyll Vermonts, praktisch kaum kannten. Sanders steht für riskante Experimente, Clinton dagegen für eine altvertraute Marke. Für den "Super Tuesday" bedeutet das Resultat von South Carolina, dass Sanders schon auf ein kleines Wunder hoffen muss, will er das Davonziehen seiner Rivalin noch verhindern.

In sechs der elf Bundesstaaten, in denen die Demokraten morgen ihren Kandidaten bestimmen, bilden schwarze Amerikaner eine echte Macht an der Basis. In Alabama, Arkansas, Georgia und Tennessee, vielleicht auch in Virginia und Texas, dürfte das nun klare Vorteile für Clinton verheißen. Sanders seinerseits hofft auf Massachusetts, Minnesota und Colorado - und natürlich Vermont, seinen Heimatstaat. Auf lange Sicht auch auf den amerikanischen Westen mit seiner Schwäche für Politiker, die gegen den Strich bürsten. Das Bevölkerungs-Schwergewicht Kalifornien etwa ist zwar erst im Juni an der Reihe, gewissermaßen auf der Zielgeraden. Dort kann sich aber das Rennen entscheiden, falls sich bis dahin kein Bewerber uneinholbar abgesetzt hat.

Ein vorzeitiger Rückzug des 74-Jährigen, der nicht nur im linken Amerika, sondern auch unter unabhängigen Wählern eine Welle idealistischer Begeisterung ins Rollen brachte, ist eher unwahrscheinlich. Präsidentschafts-Kampagnen sind in aller Regel am Ende, wenn ihnen das Geld ausgeht. Bei Sanders ist dies allerdings nicht zu erwarten: Seinen Wahlkampf finanziert er aus Kleinspenden hochmotivierter Anhänger, die ihm bis zum Schluss die Treue halten dürften.