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Helmut Schmidt, der „Kaiser“ deutscher Politik

Helmut Schmidt, der „Kaiser“ deutscher Politik

Zu den interessantesten Zeitgenossen der jüngeren Geschichte gehört zweifellos der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt . Der kettenrauchende Hanseat, der trotz zahlreicher gesundheitlicher Probleme das biblische Alter von fast 96 Jahren erreicht hat, meldet sich auch 30 Jahre nach seinem Abschied aus der Politik noch regelmäßig zu Wort.

Er kann dabei, wie "Kaiser" Franz Beckenbauer beim Fußball, jeden Unfug reden, ohne dass die Deutschen ihm dies krumm nehmen würden. Im Gegenteil: Schmidt, an dem auch viele Journalisten einen Narren gefressen haben, hat offenbar Narrenfreiheit.

Das ist schade, denn natürlich verdient der Altkanzler die gleiche Behandlung wie alle anderen Akteure auf der politischen Bühne. Und zur Wahrheit gehört nun mal, dass Schmidt noch immer der alte Besserwisser von einst ist, der Kompetenz und Arroganz medientauglich zu kombinieren weiß. Fragwürdig ist dabei nicht nur seine nachsichtige Haltung zu umstrittenen Persönlichkeiten der Politik. Geradezu erschreckend ist seine Einstellung zu den Menschenrechten, die übrigens in der Charta der Vereinten Nationen und der Europäischen Union als unveränderliche Grundwerte fixiert sind.

Schmidt redet sie klein, hält sie für ein lästiges Kollateral-Phänomen. Die Menschenrechte seien "ein Erzeugnis westlicher Kultur", sagte er 2013 bei "Beckmann" in der ARD . Und fügte allen Ernstes hinzu: "Es gibt die Menschenrechte nicht in der Bibel (...), sie haben weder bei den Inkas noch bei den Azteken, den alten Ägyptern, Griechen und Römern eine Rolle gespielt." Die Reaktion darauf? Nun, ein paar kritische Bemerkungen in wenigen Blättern und im Internet, ein Total-Verriss bei der "Heute-Show", ansonsten viel Schweigen.

Das war auch schon so, als Schmidt im Jahr zuvor das chinesische Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 verharmlost ("Die Zahl der Toten halte ich für weit übertrieben") und sogar verteidigt hatte (Das Militär habe sich "wehren müssen"). Der chinesische Dichter Liao Yiwu nennt diese Aussage "ein Zeichen von moralischem Verfall".

Liao wird sich deshalb nicht gewundert haben, als er dieser Tage in allen großen Medien Chinas eine "Lobeshymne" (Tageszeitung "Die Welt") von Schmidt auf Staatschef Xi Jingping lesen konnte. Darin unterstellt der greise Genosse dem Westen "die Versuchung, China und seine Führung zu belehren" und fordert den Westen auf, "Arroganz durch fairen Wettbewerb" zu ersetzen. Das klingt so, als wisse Weltökonom Schmidt nicht, dass China den Weltmarkt mit Billigprodukten überschwemmt, die zu Arbeitsbedingungen aus der Vorkriegszeit hergestellt werden.

Immerhin, neben seinem besten US-Freund Henry Kissinger , der es auch nicht so mit den Menschenrechten hat, scheint Schmidt einen neuen Freund gefunden zu haben: Helmut Kohl . Dem Kollegen Altkanzler schrieb er jetzt einen aufmunternden Brief, in dem er Solidarität in der Russland-Frage zusicherte. Zuvor hatte Schmidt mehrmals Verständnis für Putins Annexion der Krim geäußert und die westlichen Sanktionen gegen Moskau als "dummes Zeug" gewürdigt. Das Völkerrecht? Die Menschenrechte ? Selbst das Springer-Blatt "Welt" erkennt da in Schmidt einen "autoritären Charakter". Springer-Chef Mathias Döpfner meinte zu "Schmidts Schnauze" (SPD-Spott), bei jedem anderen Politiker würde "ein Aufschrei der Empörung" durchs Land gehen. Geht aber nicht. Wie bei Beckenbauer, der in Katar "noch nie einen Sklaven gesehen hat". . .