Großes Fest, kleines Herz

Sind wir der guten Worte müde? Es wäre nur allzu verständlich. Angesichts von Ereignissen, die sich wie ein Katastrophen-Dauerlooping anfühlten, warfen sich unsere Politiker in Prediger-Pose. Forderten Glauben an ein solidarischeres Europa, Liebe gegenüber Griechen und Flüchtlingen, und riefen zu Hoffnung auf, für den Frieden im Nahen Osten oder in der Ukraine.

Allen voran schritt Kanzlerin Merkel. Klang ihr "Wir schaffen das" nicht wie eine forschfröhliche Variante des biblischen "Fürchtet euch nicht!", mit dem die Engel den Hirten die Geburt Jesu verkündeten?

Doch während wir Deutschen dem Gebot der Nächstenliebe geradezu euphorisch nachkamen und nachkommen, sind wir auf dem Ohr der Zuversicht taub. 55 Prozent, so die jüngste Umfrage, schauen mit Sorgen in die Zukunft. Obwohl Deutschland weiterhin blendend dasteht: von Terror verschont blieb, stabile Sozialsysteme hat, gute Wirtschaftsdaten vorlegt und hier überdurchschnittliche Reiselust und Konsumfreude herrschen. Wer all dies sieht und schätzt, sind die Migranten. Ihre vor Optimismus strahlenden Gesichter künden von ihrer Vorfreude auf ein gutes Leben. Und wir Deutschen? Wir sind ein wenig hysterisch. Denn die so genannte "Flüchtlingsschwemme" hat keineswegs bereits flächendeckend alle Dörfer erreicht. Für die Mehrheit der Bürger sind Flüchtlinge noch kein Nachbarschafts-, sondern ein politisches Phänomen. Andererseits müsste man tollkühn bis zur Dummheit sein, negierte man die Gefahren: ächzende Sozialsysteme, Terror, der über Fluchtrouten einsickern kann, marschierende Nazis, wieder errichtete Grenzzäune in Europa. Jawohl, da drohen Zerreißproben, auf die Angst eine nachvollziehbare Reaktion ist. Doch Panik verschwindet nicht, wenn man von der Politkanzel herab auf die Ängstlichen einredet. Nur aktives Tun vermittelt Sicherheit. Das hat der saarländische Innenminister Klaus Bouillon (CDU ) erkannt, hat das "Ärmelhochkrempeln" zu seiner persönlichen Maxime gemacht und den Werbeslogan "Kleines Land, großes Herz" beglaubigt. Im Vergleich damit liefert die europäische Polit-Führungselite ein jämmerliches Bild: Kleinmut, lähmender Zwist, Entsolidarisierung.

Mag sein, es hilft dann doch, sich auf Weihnachten einzulassen. Es sendet seit über 2000 Jahren ein Signal des Trotzdem. Obwohl es berechtigte Zukunftssorgen gibt und es ziemlich dunkel ist, leuchtet ein Stern über Bethlehem. Er zeugt von der Verheißung und Gewissheit, dass es einen Weg mit einem guten Ende gibt. Wer daran glaubt, schöpft Mut. Und wer nicht daran glaubt? Wird sich der Magie dieser wohl erfolgreichsten Erzählung der Weltliteratur ebenfalls nicht verschließen können: Daseinszuversicht. Dieses kostbare Geschenk gilt es zu feiern.