Gauck, eine Chance

Meinung · Selten wurde eine Bundesversammlung von solch großer öffentlicher Vorfreude begleitet, ein Bewerber von ähnlicher Zustimmung getragen wie Joachim Gauck. Zum zweiten Mal überhaupt tritt ein Staatsoberhaupt der Bundesrepublik seine erste Amtszeit als Kandidat beider politischer Lager an. Nur bei Richard von Weizsäcker war das 1984 so

Selten wurde eine Bundesversammlung von solch großer öffentlicher Vorfreude begleitet, ein Bewerber von ähnlicher Zustimmung getragen wie Joachim Gauck. Zum zweiten Mal überhaupt tritt ein Staatsoberhaupt der Bundesrepublik seine erste Amtszeit als Kandidat beider politischer Lager an. Nur bei Richard von Weizsäcker war das 1984 so. Wie heute die Union bei Gauck erkannte damals die SPD die Qualitäten Weizsäckers erst, nachdem sie bei einer früheren Bundesversammlung seinen Gegenkandidaten (Walter Scheel) ins Amt gewählt hatte, nun aber keine Mehrheit für einen eigenen Bewerber sah. Heute genießt Weizsäcker den größten Respekt aller Ex-Staatsoberhäupter. Ein gutes Omen für die Präsidentschaft Gaucks, der wie Weizsäcker ein Mann der geschliffenen Sprache, ein weltoffener Konservativer und mit dem Protestantismus eng verbunden ist.In der Vergangenheit haben Präsidenten aber die größte Wirkung entfaltet, wenn sie - wie Weizsäcker - aus ihrer Erfahrung des (Partei-)politischen Betriebes heraus im neuen Amt Unabhängigkeit erwarben, um Brücken über Lager-Grenzen zu schlagen. Seine berühmte Rede von 1985 war nicht deswegen bedeutend, weil Weizsäcker das Ende des Zweiten Weltkriegs klipp und klar als Befreiung anerkannte, sondern weil er dies als ehemaliger CDU-Parteipolitiker tat. Auch Christian Wulffs Satz vom Islam, der Teil Deutschlands sei, wirkte vor allem, weil er manchen in seinem konservativen Lager verstörte. Mit Gauck kommt nun erstmals ein Bewerber ins Amt, dessen Kür zwar von parteitaktischen Überlegungen begleitet, der aber selbst nie Parteipolitiker war. Er muss seine Unabhängigkeit nicht erwerben oder beweisen. Seine Wirkung muss das nicht schmälern - im Gegenteil. Wo frühere Präsidenten ihre politischen Weggefährten irritierten, könnte Gauck eher Teile der ihm so gewogenen Öffentlichkeit verschrecken. Sein klares Bekenntnis zur Freiheit, ausdrücklich auch der wirtschaftlichen, und sein energisches Werben für Selbstverantwortung dürften viele als Zumutung empfinden - wie auch seine scharfe Ablehnung der DDR-Nostalgie. Mit Gauck wird es spannend. Er wird es nicht nötig haben, sich aus Mangel an Profil in Kumpanei mit dem Boulevard gegen die Politik zu profilieren. Ein Präsident über den Parteien, nicht gegen sie. Vielleicht gar ihr Anwalt - wohltuend unzeitgemäß. Einer, der Parteien und Öffentlichkeit miteinander versöhnt.

Er tritt ein Amt an, das durch den medialen Prozess gegen Christian Wulff beschädigt, zugleich aber auch überhöht wurde. Selten war es den Deutschen so wichtig, wer ihr oberster Repräsentant ist, hörten sie so genau hin. Eine Last, vor allem aber eine riesige Chance. Für Gauck - und die ganze Politik.

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