Frische, friedliche Perspectives

Meinung · Darf man ein Festival vor seinem Ende loben? Jawohl. Denn die Saarbrücker Perspectives zeigen seit ihrem Start am 13. Juni eine staunenswerte Bestform. Das ist keine Selbstverständlichkeit im Jahre zwei der neuen Leitung

Darf man ein Festival vor seinem Ende loben? Jawohl. Denn die Saarbrücker Perspectives zeigen seit ihrem Start am 13. Juni eine staunenswerte Bestform. Das ist keine Selbstverständlichkeit im Jahre zwei der neuen Leitung. 2007 schaffte Sylvie Hamard nach bestürzenden Zuschauer-Einbrüchen unter ihrer Vorgängerin Paradon eine Art Wunderheilung, die der Wiederbelebung einer Mumie glich. Diesmal galt es nicht nur, die Zuschauer-Quote (2007: 7000) zu halten, sondern auch den Beweis der Stabilisierung zu erbringen. Dies bedeutete: Image- und Sympathiepflege. Ziel erreicht. Mit einem nahezu sprachunabhängigen Angebot, das visuelles Erleben in den Mittelpunkt rückte, hebelte Hamard die Skepsis vieler ob eines vermeintlich elitären "Festivals für Französischlehrer" aus. Wer mehrfach kam, schied als Freund. Denn zu erleben war ein munteres und zugleich herausforderndes Programm. Theater-Kenner freuten sich über Einblicke in die Avantgarde-Szene, Theater-Unkundige über frische, anregende Momente. Horizont-Erweiterung für alle - was will man mehr?Dies gilt auch aus kulturpolitischer Sicht. Die Perspectives sind wieder das, was sie mal waren: eine Kultur-Vitalisierungs-Pumpe. Keine Propaganda-Veranstaltung für die saarländisch-lothringische Freundschaft. Letztere trägt das Festival - und zwar endlich vorbildlich geräuschlos. Beendet sind auch die einst allgegenwärtigen Polit-Störfeuer zwischen Stadt und Land, die die Perspectives weidwund schossen. 2007 wurde das Festival von der Landesregierung aus städtischen in Stiftungs-Strukturen geführt. Seitdem herrscht himmlische Polit-Ruhe. Wohl dauerhaft, das darf man nun vorsichtig hoffen. Natürlich war 2008 nicht alles ohne Fehl und Tadel. Der Wasser-Licht-Show zur Eröffnung mangelte es an Zündkraft, um die nötige Start-Dynamik zu erzeugen. Auch häufte sich das Dokumentarische, Unspektakuläre im Spielplan, vor allem auch die Klein-Produktionen. Ein bisschen imposanter darf das Angebot werden. Der Zirkus müsste länger spielen, eine weitere große Tanz- und Sprechtheater-Aufführung her. Dass dies nicht ohne Steigerung des Budgets von derzeit 660000 Euro geht, steht außer Frage. Doch ein gesundes Festival muss wachsen dürfen - eine Lehre dieser Ausgabe. Eine zweite sei hinzugefügt. Es muss Schluss sein mit dem Vagabundieren. Ohne zentralen Spielort leidet das Gastliche, das Kommunikative und Atmosphärische. Wann endlich wird die Alte Feuerwache zum Theaterzentrum mit Gastronomie und Innenhof ausgebaut? Erfolgreiche Perspectives könnten dafür der beste Motor sein.

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