Freihandel birgt Chancen

Sozialer und ökologischer Fortschritt wurde den Menschen noch nie geschenkt. Insofern ist es beim transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP durchaus berechtigt, gehörig Gegenwind zu machen. Die Verhandler beider Seiten müssen wissen, dass da jemand aufpasst.

Aber dieses Motiv bewegt längst nicht alle TTIP-Gegner.

Viele derer, die auch am Wochenende bei rund 230 Veranstaltungen bundesweit wieder auf die Straßen gingen, treibt grundsätzliche Kapitalismuskritik, Antiamerikanismus oder die pure Lust am Widerstand an. Es spricht viel europäische, speziell deutsche, speziell linke deutsche Überheblichkeit aus der Ansicht, die US-Standards seien durchweg niedriger als unsere. Man lebt auf der anderen Seite des Atlantik aber nicht auf Bäumen.

Die Angst davor, mit Nordamerika einen gemeinsamen Markt zu bilden, also freien Handel ohne Zölle und Bürokratie, ist so absurd, wie es die gleiche Angst in Europa war, als hier der gemeinsame Binnenmarkt entstand. Selbst das deutsche Reinheitsgebot für Bier hat ihn überlebt. Die auch jetzt wieder verkündete Losung der Gegner, die TTIP-Verhandlungen zu stoppen, bedeutet Totalverweigerung: Man will nicht einmal versuchen, die Probleme und Risiken zu regeln, die das Zusammenfügen unterschiedlicher Wirtschaftsräume naturgemäß mit sich bringt. Es ist wahr, dass TTIP zunächst vor allem das Interesse der Wirtschaft ist. Ob die einfachen Menschen etwas davon haben, ist ein anderer Kampf. Richtig ist ebenfalls, dass gemeinsame Märkte die Macht nationaler Parlamente berühren. Bloß: Auch das ist in der EU schon lange Realität. Und trotzdem würde niemand in Europa sagen, er wolle nun zurück zu den alten Fürstentümern mit ihren Akzisemauern. Außer vielleicht die Nationalisten.

Die Lösung dieses Spannungsverhältnisses liegt in der Stärkung internationaler Rechts- und Demokratieorganisationen. Der Vorschlag eines unabhängigen internationalen Schiedsgerichtshofes für Streitigkeiten im Zusammenhang mit TTIP fällt in diese Kategorie. Und es trifft drittens zu, dass es Bereiche gibt, wo sich Standards und Regeln nur schwer vereinbaren lassen. Der Kulturbereich gehört dazu, wohl auch die Kosmetikbranche . Dann muss man bestimmte Sektoren eben ausnehmen und es damit bewenden lassen, dass man dort bloß Zollschranken beseitigt. Dann muss der US-Hersteller eben ein Produkt speziell für Europa entwickeln und umgekehrt oder es entsprechend kennzeichnen.

Die Dinge sind lösbar. Freihandel kann ein Fortschritt sein, muss es aber nicht. Er kann das Leben vieler Menschen erleichtern, muss es aber nicht. Es lohnt sich in jedem Fall, seine Chancen zu erkunden und um sie in Verhandlungen zu ringen. Wohlgemerkt: Chancen.